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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen

Veranstaltungsreihe

Tod und Kapital

Zur Frage des Sterbens heute

Das Kapital folgt Marx nach nur einem Trieb: dem, sich zu verwerten. Im Verwertungsprozess wird Mehrwert geschaffen qua Einverleibung von Mehrarbeit, lebendiger Arbeit, durch die Produktionsmittel, d.h. geronnener, toter Arbeit. Das Kapital als Untoter prozessiert in Form der Angleichung des Lebendigen ans Tote und des Toten ans Lebendige. Das Potential der Bedeutung ihrer Differenz wird entleert, wenn am Ende einzig zählt, was gezählt werden kann. Materialistische Kritik hat letztlich die Übermacht des Todes im Kapitalismus zu ihrem Fluchtpunkt, als den Moment, an dem im Prozess der Kapitalakkumulation das Lebendige seiner Funktion für dessen Negation unterworfen wird. Diese für den gesellschaftlichen Zusammenhang konstitutive Bedeutung von Tod ist – auf ganz unterschiedliche Weise – Thema der drei Veranstaltungen dieser Reihe. Die Vorträge arbeiten an unterschiedlichen Gegenständen den Tod als Schnittstelle von erster und zweiter Natur heraus, den Tod als Motor der Geschichte des Kapitals, die Stillstand ist, und zugleich das Ende der Lebensgeschichte der Individuen bedeutet, deren Dasein unter den gegebenen Verhältnissen der Tendenz nach zu dem von Toten wird.  

 


Mein Herz verschenk' ich, wenn ich tot bin
Zur Organ- und Gewebespende

Vortrag und Diskussion mit Francisco Javier Gomez Rieser und Christine Zunke

Durch massive Werbekampagnen und gezielte Befragung aller in der BRD lebenden Menschen soll die Bereitschaft, die eigenen Organe zu spenden, erhöht und der Todesursache „Organmangel“ entgegengewirkt werden. Spätestens an der mit der Organspende verknüpften, aber schwieriger positiv besetzbaren Gewebespende und der Verarbeitung von Körperteilen zu Arzneimitteln offenbart sich die marktförmige Organisation dieses Bereichs, der seine moralische Legitimation aber aus der Vorstellung bezieht, Organe seien etwas wesentlich anderes als Waren. Alles, was auf das stattfindende Geschäft hindeutet, sorgt daher für Skandale; Organhandel darf es nicht geben. Der Vortrag verfolgt diese Widersprüchlichkeit mit ihren unterschiedlichen Ausformungen bis in die Konstitution des bürgerlichen Subjekts.

Termin: Freitag, den 26. Oktober 2012, 20 Uhr im Infoladen Bremen


Der Tod und das Selbstbewusstsein 
Anmerkungen zu einer Negation

Vortrag und Diskussion mit Maxi Berger

Der Tod ist die absolute Grenze dessen, was lebendige Kreaturen sinnlich oder intellektuell erfahren können, und deshalb nur aus der Perspektive des Lebens zu bestimmen: Tod ist mehr noch als die Abwesenheit des Lebens, er ist die Negation der Abwesenheit des Lebens, Negation der Negation ohne positives Resultat. Versuche, den Tod denkend zu bestimmen, laufen deshalb Gefahr, die Grenze des Bestimmbaren zu überschreiten und dem Tod Funktionen oder Gehalte zuzuschreiben, die ihn zu einem Bestandteil des Lebens über das Leben hinaus verklären: Noch die religiösen Vorstellungen vom Leben nach dem Tode müssen sich auf Analogien in der Erfahrung der Lebenden berufen. Als absolute Negation ist der Tod begrifflich wie praktisch aber auch konstitutiv für das Leben – theoretisch als Grenze des Lebensbegriffs, durch die Leben als Begriff erst bestimmbar wird, und praktisch in der Antizipation eines Zustandes, der – je nachdem – vermieden werden soll oder beabsichtigt ist, und daher die Handlungen mitbestimmt. Im Folgenden soll an zwei Modellen, dem philosophischen Lebensbegriff in der Phänomenologie des Geistes von Hegel und dem ästhetischen Modell Becketts Warten auf Godot, der Versuch unternommen werden, Tod in der kritischen Konstellation von intellektueller Bestimmung und ästhetischer Erfahrung zu bestimmen oder besser: die Grenzen der Bestimmbarkeit aufzuzeigen. Diese Themenstellung ist nicht nur von erkenntnistheoretischem Interesse. Mit ihr ist auch die Frage verbunden, was es bedeutet, wenn die Vorstellung Hegels, dass mit dem Eintreten des bürgerlichen Zustandes die Welt vernünftig und das Leben sinnvoll sei, durch den gnadenlosen Pragmatismus industrieller Massenvernichtung ad absurdum geführt wird. Ist Herrschaft eine Implikation des Denkens oder ist sie vielmehr Ausdruck geschichtlicher Verhältnisse, die als solche eben nicht schon Inbegriff des vernünftigen Selbstbewusstseins sind? Wenn Adorno und Horkheimer recht haben, dass Vernunft und Herrschaft Hand in Hand gehen, dass seit je Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen dann ist Kritik nicht zu retten.

Termin: Freitag, den 2. November 2012, 20 Uhr in der Villa Ichon, Bremen
In Kooperation mit dem Literaturkontor Bremen


Music Of The Living Dead
Über die Angleichung von Leben und Tod im Brutal Death Metal

Vortrag und Diskussion mit Patrick Viol

Im Heavy Metal der 80er Jahre besingen Männer mit langen Haaren und schmierigen Lederkutten den dunklen Lord, er möge Ihnen einen Pakt anbieten, um den eigenen Tod besiegen und an seiner Allmacht partizipieren zu können – und das nicht selten im Falsett. Dem Teufel Frauen zu opfern, gilt als das bestialische Äquivalent, das zu erbringen die eisernen Männer sich willfährig bereit erklären. 
Im Brutal Death Metal Mitte der 90er - der wohl krassesten, substilistischen Ausformung des Heavy Metals - gibt man sich oft mit Glatzen, düsteren Mienen und dicken, tätowierten Armen zwar männlicher als je zuvor, aber eben auch säkular und profan. Töten mit Hacken, chirurgischen Instrumenten und nicht zuletzt mit dem eigenen Genital setzt sich hier als Selbstzweck. Das Unwesen, welchem man sich hier anzuverwandeln versucht, ist das Kapital selbst nach der Seite seiner technischen Zusammensetzung: die maschinellen Produktionsmittel, das toten Kapital. Seinem blinden Voranschreiten gleich zu werden, darin feiert das männliche Subjekt des Brutal Death Metal einerseits seinen Sieg über seine sterbliche Natur. Am Instrument als Naturbeherrscher und als beherrschte Natur zugleich gerät es aber in einen Widerspruch mit sich selbst und zelebriert andererseits seinen eigenen Tod.
So erklingt im Brutal Death Metal sowohl stets eine Spannung zwischen Maschinellem und Organischem als auch der Versuch ihre Differenz zu tilgen. Dafür büßen, dass der Versuch misslingt, sich über das natürliche Leben zu erheben, muss: die Frau. Darin erweist man sich jeder Säkularisierung zum Trotz als traditionalistisch.
War der Zombie schon immer der Ausdruck dafür, dass sowohl Leben und Tod des Menschen nicht recht mehr sich unterscheiden lassen als auch für dessen blindes Weitermachen ohne Grund (denn der Zombie frisst nur um zu fressen, weil er nicht verhungern kann) so lässt sich Brutal Death Metal als die Musik von Untoten begreifen. Zur Behandlung dieser These wird sich im Vortrag vor allem auf die Analyse des musikalischen Materials bezogen. Neben einer musikgeschichtlichen Einordnung des Brutal Death Metal werden Szene-übliche Accessoires, Hörbeispiele und Videos präsentiert - und 'live' Gitarre gespielt.

Termin: Freitag, den 30. November 2012, 20 Uhr in der Galerie K‘ – Zentrum Aktuelle Kunst, Bremen


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