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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen

Harry Crews 

Scar Lover

 

Bei dem hier abgedruckten Text, handelt es sich um einen Auszug aus dem Roman Scar Lover (1992) des US-amerikanischen Autors Harry Crews. Crews galt als einer der wichtigsten Vertreter des Southern Gothic. Er starb am 28. März in Florida. Der Abdruck erscheint mit freundlicher Genehmigung des Verlags Mox & Maritz, bei dem die deutschsprachige Ausgabe erschienen ist.

 

»Ich möchte die Yaks sehen,« sagte Pete, obwohl er das eigentlich nicht wollte. Er wollte nur Chicago hinter sich lassen, denn die Art und Weise, wie der alte Mann ihn zum Nachdenken gebracht hatte, gefiel ihm nicht.

»Ach ja, die Yaks.« Mr. Winekoff machte sich in schnellem Tempo auf, runter von der Brücke.

Er hatte Pete eine Menge von den Yaks erzählt; er hatte davon angefangen und nicht mehr wirklich abgelassen.

Es stellte sich heraus, dass sie gar nicht wirklich aussahen wie Kamele. Der alte Mann setzte ihm das auseinander, noch als sie auf der Brücke waren.

»Wie ein Kamel?« fragte Mr. Winekoff. »Nicht wirklich. Eher wie ein Ochse. Tatsächlich ist das Yak das größte Mitglied der Familie der Ochsen. Wie kommen Sie darauf, sie könnten wie Kamele aussehen?

»Das größte Mitglied der Familie der Ochsen, meinen Sie?«

»Richtig. Jetzt haben Sie’s.«

Pete hatte jedoch überhaupt keine Idee, wie eine Ochsenfamilie aussehen könnte. Nachdem, was sein Bruder ihm aus Korea geschrieben hatte (das war, bevor er mit dem Hammer die zwei Kerben zwischen die Augen seines Bruders gestanzt hatte, seine Mutter und seinen Vater verlor und langsam von der Verbindung zu seinen engsten Verwandten abgeschnitten wurde), aus den Briefen seines Bruders jedenfalls, da kam ihm das Bild eines großen Büffels in den Sinn, und wie der einen Pflug durch seichtes Wasser zieht – Wasser, aus dem der Geruch menschlicher Scheiße ersteigt – und dem ein sehr kleiner, gelber Asiate folgt.

Mr. Winekoff sagte, Yaks hätten eine Schulterhöhe von knapp zwei Metern und langes, seidenes Haar, wundervolles Haar ganz anders als alles, was er je gesehen hatte. Oh, was für eine Freude für Pete, oh ja, von den unaussprechlich wunderbaren Umständen ihrer Wanderung mal abgesehen. Einer Wanderung von fast vier Kilometern – acht, wenn man den Rückweg mitzählte – über herdplattenheiße Straßen, deren Hitzestrahlen in der Entfernung waberten wie eine Art Fata Morgana. Fünf Tage die Woche mit George auf Schicht im Güterwaggon, das brachte einen für sowas nicht in Form.

»Ist gehen nicht genauso, wie ich es beschrieben habe, Bürschchen?« gackerte Mr. Winekoff und wagte vor Pete ein kurzes Tänzchen, ohne sich auch nur einmal umzudrehen.

Er hatte Pete noch nie Bürschchen genannt. Soweit Pete sich erinnern konnte, hatte niemand ihn je so genannt. Er war ein wenig überrascht, dass er dagegen keinen Einwand erhob. Vielleicht lag es an der Hitze, warum auch immer, er antwortete nicht und trottete weiter mit kurzem Abstand Mr. Winekoff hinterher. In diesem Moment wurde ihm in der Hitze irgendwie klar, dass er Mr. Winekoff genauso hinterherwankte, wie Sarah ihm hinterhergewankt war. Er hielt seine Augen fest auf den Rücken von Mr. Winekoff gerichtet und sagte nichts.

»Ist schon in Ordnung, Sie müssen nichts sagen,« hat Mr. Winekoff gesagt. »Ich bin ein altes Auto und hab’ viele Kilometer drauf, aber mein Vergaser ist gut. Seit ich in Rente gegangen bin spaziere ich also so hart und schnell wie ich kann. Erzählen Sie mir also nichts vom Gehen; tagein, tagaus, und ich ziehe es durch, bis ich ankomme.«

Ankommen? Petes taubes Hirn kämpfte mit seinen Gedanken, und Mr. Winekoff kehrte zum Thema Yaks zurück. Die kämen, so sagte er, aus den trostlosen Höhen der Berge Tibets. Das sei das Allerbeste, sagte der alte Mann, den ganzen Weg von Tibet hierher zu kommen. Er hielt das für exotisch genug, um wirklich jedermann rätseln zu lassen.

»Was, glauben Sie, essen die?« fragte Mr. Winekoff. Darüber hatte Pete noch nicht nachgedacht. Jetzt tat er es. Das war etwas das er tun konnte, um seine Gedanken von der Hitze abzulenken. Jetzt, wo sie von der Brücke waren, schien ihm der glühende Atem der Sonne noch heißer, und dort drüben konnte er schon deutlich die grüne Ansammlung der Bäume sehen, die den Zoo beherbergten.

»Heu, denk’ ich mal.« Seine Zunge war vor Durst ganz dick, und seine Lippen fühlten sich hölzern an.

»Was?« fragte Mr. Winekoff, und er drehte sich noch immer nicht um. »Sprich’ lauter, Junge. Du hörst dich an, als hättest du den Mund voller Graupen.«

»Ich hab’ gesagt, ein Yak wird wohl Heu fressen,« sagte Pete, und hatte noch immer Probleme mit seiner dicken Zunge und seinen widerspenstigen Lippen.

Mr. Winekoff verpasste keinen Schritt und er sah Pete auch nicht an.

»Falsch. Das gewöhnliche Yak frisst grobes, trockenes Bergwiesengras.«

»Oh,« sagte Pete, und seine Stimme war kaum zu vernehmen.

»Da hast du verdammt Recht,« sagte Mr. Winekoff.

Jetzt waren sie unter den Bäumen, der Schatten war nahezu unerträglich wunderbar und belebte Pete sehr und ihm wurde klar, dass man ihm soeben eine Lüge aufgetischt hatte. Vielleicht nicht unbedingt eine Lüge, aber irgendetwas stimmte nicht. Jacksonville war eine Stadt voll mit wandernden Landlosen und den Söhnen von Landlosen, die nach Missernten aus Georgia herangezogen waren um Hände und Rückgrat an alle und jeden zu verkaufen, denen sie von Nutzen sein konnten. Demzufolge waren alle an diesem aufstrebenden Ort arm. Pete wusste ganz genau, dass er nicht der einzige Georgiaboy war, der in einem luftleeren Güterwaggon zusammen mit einem versengten Nigger seine Zeit abmachte. Grobes, trockenes Bergwiesengras? Nicht in diesem Leben. Nicht in dieser Stadt.

Er hatte in der Zeitung gelesen, dass der Zoo seinen Löwen hatte verkaufen müssen, weil er es sich nicht mehr leisten konnte, Pferdefleisch zu kaufen. Pete war klar, dass sie nicht aus mehreren hundert Kilometern Entfernung trockenes Bergwiesengras herantransportieren würden; nicht für etwas, das aussah wie ein Ochse.

Wie sich herausstellte, nachdem sie im Zoo angekommen waren – Eintritt frei, falls man zu Fuß kam, oder einen Dollar mit dem Auto, egal wie viele Insassen – sahen Yaks nicht etwa aus wie Ochsen oder ein Mitglied der Familie der Ochsen, wie auch immer die aussehen mochten (Pete war es unmöglich, auch nur über die Möglichkeit einer Familie von Ochsen nachzudenken). Stattdessen sahen sie aus wie sehr müde Milchkühe ohne Euter. Es waren drei Stück, und sie waren dermaßen ausgemergelt, dass du deinen Hut an ihren Hüftknochen hättest aufhängen können, stellenweise fehlte ihnen das Fell, das nicht lang war und auch ganz bestimmt nicht seiden, und sie atmeten schwer. In dem knappen Schatten eines einzelnen, kleinen, nahezu blattlosen Baumes lehnten sie aneinander, und ihre rosigen Zungen hingen ihnen aus ihren schaumigen Mäulern. Sie waren hinter einem schulterhohen Drahtzaun gefangen und vor diesem Zaun war ein Schild, auf dem standen all die Dinge, die Mr. Winekoff gesagt hatte; dass sie aus dem hochgelegenen, schneebedeckten Land Tibet kämen, dass man aus ihrem langen Haar Bekleidung nähen könne und die ganzen anderen Sachen, die offensichtlich unwahr waren.

Ein paar Kinder standen da, bewarfen die Yaks mit Steinen und aßen Zuckerwatte. Die Yaks bewegten sich nicht, und ein vereinzelter Stein, der von ihrem staubigen Fell abprallte, schien sie nicht zu stören. Auch die Eltern, die schwitzend in der drückenden Hitze standen, erhoben keinen Einwand. Pete lehnte sich gegen den Draht, griff mit seinen Händen hinein, stand sprachlos da und fühlte, wie ihm kleine Bäche aus Schweiß den Körper herunterkurvten und sich hinter seinen Augen eine ungesunde Wut ansammelte.

»Sehen diese gottverdammten Teile im Winter irgendwie besser aus?« fragte er.

»Das sind feine Tiere, und sie sind ziemlich weit weg von zuhause,« sagte Mr. Winekoff.

Das sind feine Tiere, und sie sind ziemlich weit weg von zuhause. Das sind wir alle, dachte Pete, aber das beantwortete nicht die Frage, die er gestellt hatte.

Innerhalb der Umzäunung stand ein mittelgroßer Waschbottich. In dem Bottich war nichts. Um besser sehen zu können, lehnte Pete sich stärker gegen den Zaun. Maiskolben. In dem Scheißbottich waren Maiskolben. Alte Kolben ohne Mais, und für Pete war es ziemlich offensichtlich, dass sich auf diesen Kolben schon eine ziemlich lange Zeit kein Mais mehr befand. Sie waren verdörrt und staubig und von der Sonne verschrumpelt.

Pete war aufgebracht. Am liebsten hätte er in den Draht gebissen, den er in den Händen hielt.

»Sie geben diesen sterbenden Biestern Maiskolben.«

Und als wolle es beweisen, dass das, was er gesagt hatte, wahr ist, wankte das kleinste der drei Yaks rüber zu diesem Bottich, nahm einen Maiskolben und kaute ihn. Und kaute ihn. Langsam, wie eine tickende Uhr, bearbeiteten seine Kiefer den Maiskolben. Die glänzenden Augen des Tieres schlossen sich langsam und in den Winkeln seines Mauls zeigten sich kleine gelbe Schaumblasen, so groß wie die Spitze eines kleinen Fingers. Und es kaute noch immer.

Jetzt bauten sich Wut und Hoffnungslosigkeit in ihm auf, und Pete drehte sich um und ging weg. Mr. Winekoff stand noch immer ruhig da, als würde er schlafen; die Hände in den Taschen nickte er mit dem Kopf, als wäre er irgendwie befriedigt. Ein kleines Stück weiter – mehr als fünfzig Schritte konnten es nicht gewesen sein – stand Pete vor einem leeren Käfig mit Betonboden. Es roch ziemlich nach Pisse. Ihn überkam der Gedanke, dass selbst nach dem letzten Einschlag, und nachdem der letzte Atompilz in den feuerroten Himmel aufgestiegen war, es noch immer nach Pisse riechen würde. Löwenpisse. An einem Pfosten, der in den Boden getrieben worden war, hing ein Schild – neu gestaltet, so schien es – und auf dem stand Löwe. Er starrte in den leeren Löwenkäfig und auf die Spuren, die der umherstreunende Löwe über die Jahre hinterlassen hatte – umherstreunend und pissend und hinter den Gitterstäben langsam dem Wahnsinn verfallend, und er konnte fühlen, wie die Yaks hinter ihm von Tibet träumten, von Schnee und von langem feinem Haar und von sinnvollen Yakleben.

Wieviel Löwenpisse braucht es, um massiven Beton zu zersetzen? Wie lange konnte ein Yak mit vertrockneten Maiskolben überleben? Wie lange konnte er, Pete, das ertragen? Es wäre eine feine Sache, das war ihm klar, sich eines Nachts hier herauszuschleichen und die Yaks zu erschießen, oder besser, sie zu vergiften. Warum erschießen? Warum vergiften? Hier geriet der Gedanke in seinem Kopf ein wenig durcheinander und er drehte sich um und sah Mr. Winekoff noch immer an der Stelle, an der er ihn verlassen hatte; die zwei Yaks lehnten unter dem verdörrten Baum noch immer aneinander, und der einzelne Yak kaute immer noch, zweifellos an demselben Maiskolben. In gummiartigen Fäden hing ihm der Schaum aus dem Maul und bewegte sich im Rhythmus seiner Kiefer. Auch Mr. Winekoffs Kopf, mit seiner Kappe aus kurzgeschnittenem, grauen Haar, bewegte sich nahezu unmerklich, nickte, und Pete wußte, er hielt sich dabei an das kauende Yak. Welches kaute und kaute.

Pete machte sich auf den Weg zurück zu Mr. Winekoff und sah, etwas links versetzt und gar nicht weit weg, noch einen Pferch mit einer etwa hüfthohen Umzäunung. Da waren Alligatoren drin. Gewaltige Alligatoren, die völlig emotionslos im Wasser lagen als seien sie seit Jahren tot und hier in diesem seichten, leicht grünlichen Gewässer konserviert worden. Sie kamen, und daran gab es keinen Zweifel, aus dem Okefenokee-Sumpf, an dessen Grenzen Pete zum Mann herangewachsen war. Er kannte Alligatoren. Und er erinnerte sie als große, schwarze, glänzende Bestien, im kühlen, moosigen Wasser der Sümpfe wie Katzen so schnell. Und an Land – über kurze Distanzen – noch viel schneller.

Ruhig verharrend wie irgendein monströses, in der Erde verwurzeltes Gewächs, konnte ein Alligator auch aus zwanzig Metern Entfernung noch Wild reißen. Träumten sie, hier in diesem Brackwasser, von Zypressen und Moos und schwarzem Wasser und blutigem Wildbret, während eine Gruppe von Sonntagsschülern sie mit Marshmellows bombardierte? Pete wollte es nicht hoffen. Pete hoffte, dass sie an nichts dachten und von nichts träumten. Und in blitzartiger, hässlichen Erkenntnis wurde ihm klar, dass er sich einen solchen Zustand für sich selbst erhoffte, seit er aus seinem kleinen Bruder einen Idioten gemacht hatte. Aber das war unmöglich. Nein, nicht unmöglich. Aber nur möglich unter tödlichen Umständen.

Er war hinter Mr. Winekoff getreten. Und über Mr. Winekoffs Schulter sagte er leise: »Du wertloses Stück Scheiße, hast mich den ganzen Weg hierher gebracht, damit ich mir drei sterbende Tiere ansehe.«

Mr. Winekoff rührte sich nicht oder drehte seinen Kopf, und seine Stimme klang verträumt. »Tiefer Schnee in den verlassenen Bergen Tibets. Unmengen von Bergwiesengras und langes, seidenes Haar. Von den Tibetern verehrt.«

»Wir sind aber keine Tibeter, du dämlicher Furz.«

Mr. Winekoff bewegte sich abrupt, so als wäre er plötzlich und grob aus tiefem Schlaf geweckt worden. Er drehte sich herum und sah Pete an. Seine Augen erschreckten Pete. Sie waren tiefrot. Seine Wangen, ein feines Netz aus Falten, waren feucht. Hatte er geweint? Pete konnte sich nicht erinnern, Mr. Winekoff jemals in die Augen gesehen zu haben, und seine Wangen waren wohl nass von Schweiß.

»Und sie kommen jeden Tag hier raus?« fragte Pete.

»Jeden Tag. Jeden Tag für eine lange Zeit.«

»Wie halten Sie es an diesem gottverdammten Ort nur aus?«

»Nicht fluchen. Das ist nicht der Ort, um zu fluchen.«

»Sondern ein Ort für was?«

»Ein Ort um zu ... um ... Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das erklären soll.«

»Das Problem habe ich selbst nicht,« sagte Pete.

»Sich auszudrücken?« Mr. Winekoff zupfte sich mit krummen, arthritischen Fingern am Ohr. »Im Zoo höre ich nicht gut. Manchmal jedenfalls. Eigentlich höre ich nie gut.«

»Auch das Problem habe ich nicht. Ich höre gut hier draußen.«

»Deswegen stellen Sie dumme Fragen. Und deswegen kann ich es Ihnen nicht erklären.«

»Was?«

Mr. Winekoff zeigte mit etwas, das wohl ein Lächeln war, seine dunkel gefleckten Zähne. »Ich dachte, Sie hören gut im Zoo?«

»Tu’ ich. Ich höre überall gut.«

»Sagten Sie bereits.«

»Kommen Sie mal hier herüber. Ich möchte Ihnen eine Kleinigkeit zeigen.«

Er nahm Mr. Winekoff bei seinen dünnen Schultern und drehte ihn, fast zärtlich, herum, und Mr. Winekoff folgte Pete, der ihn nun rüber zu den eingezäunten Alligatoren führte. Mit den Sonntagsschülern, die die Alligatoren noch immer anschrien und mit Marshmellows bewarfen, ging er nicht so zärtlich um. Er drückte und schubste und ein kleines, hübsches Mädchen mit einer silbernen Klammer im Mund – unglaublich dick und in jede mögliche Richtung verdrahtet – hat er sogar getreten.

»Du Schwanzlutscher,« sagte das Mädchen mit den goldenen Haaren, das er getreten hatte. Ihre Aussprache war trotz der Klammer klar und perfekt.

Während Pete sich seinen Weg durch die Kinder boxte und Mr. Winekoff eine Gasse bahnte, durch die er folgen konnte, drehte er sich um und sagte: »Über die da, da weiß ich was.« Er zeigte auf die Alligatoren.

»Reptilien,« sagte Mr. Winekoff.

»Reptilien am Arsch. Das, was Sie da sehen, sind Alligatoren.«

»Sie sollten mehr lesen, mein Junge,« sagte Mr. Winekoff. »Es sind Reptilien und Alligatoren. Ist schon bitter, wenn man seinen Verstand so vergeudet.«

Pete hörte das Mitleid in der Stimme des alten Mannes, aber er war schon so erfüllt vom Zorn des Tages, dass es keine Wirkung mehr auf ihn hatte. Er packte Mr. Winekoff einfach und warf ihn über den Zaun, wo er zwischen den bewegungslosen Alligatoren im brackigen Wasser landete. Kein einziger Alligator bewegte sich. Mr. Winekoff jedoch hielt nicht ein einziges Mal still. Er war oben. Er war unten. Dann wieder oben, mit windmühlenartig rotierenden Armen, aber er konnte sich nicht auf den Beinen halten. Offenbar war der Boden des Beckens genauso dick mit Schlamm überzogen wie die Alligatoren selbst. Die Kinder schrien vor Verzückung. Sie warfen nicht länger mit Marshmellows, sondern suchten am Boden nach Kieseln, mit denen sie Mr. Winekoff steinigen konnten. Der war ein leichtes Ziel, denn jetzt lag er absolut ruhig im flachen Wasser. Er hatte, genau wie Pete, gesehen, dass sich der Schwanz eines enormen Alligatorenbullen bewegt und sich sein Kopf kaum wahrnehmbar in Richtung des alten Mannes gedreht hatte.

»Pete,« sagte Mr. Winekoff, »sowas kann einem eigentlich nur Ärger einbringen.«

»Ärger? Ärger hab’ ich schon,« sagte Pete gleichgültig. Eine merkwürdige Ruhe hatte sich über sein Herz gelegt. Er war zwar nicht glücklich, aber das erste Mal an diesem Tag war er nicht unglücklich. »Sieht aus, als hätten Sie jetzt den Ärger.«

»Es gibt vieles, das Sie nicht verstehen,« sagte Mr. Winekoff stillhaltend und dabei den großen grünen Bullen beachtend, dessen lange, mit Sägezähnen besetzten Kiefer sich in einer Art Gähnen öffneten und dabei das tiefdunkle, moderige rosa seiner Kehle entblößten.

Die Kinder waren mittlerweile völlig außer sich. Mehrere von ihnen hatten sich eingenäßt während sie tanzten und kreischten und kleine Kieselsteine auf Mr. Winekoff herabregnen ließen.

»Wollen Sie nicht irgendetwas unternehmen?« fragte Mr. Winekoff mit einer Stimme so ruhig und präsent, als würde er auf der Veranda der Pension seine Dehn- und Beugeübungen durchführen.

»Doch,« sagte Pete.

»Nämlich?«

»Mich aus der Hitze zurückziehen.«

Mr. Winekoff kam mit merkwürdiger Ruhe auf die Füße, zollte dem großen Bullen, der nachwievor seine Kiefer lockerte, nicht die geringste Aufmerksamkeit, und ging vorsichtig aus dem Wasser, wobei er mindestens zwei Alligatoren überstieg. Er kam direkt zu dem niedrigen Drahtzaun, an dem Pete stand; tropfnasse Ranken grünen Abschaums bedeckten seinen gesamten Körper, hingen ihm sogar in seinen gestutzten, struppigen Haaren. Mit bestimmten und toten Augen starrte er Pete an, der wiederum spürte etwas irgendwie Lebendiges und ihm fremdes in seiner Brust drängen.

Das hübsche, goldige kleine Mädchen trat Pete brutal gegen das Schienbein und schrie »Tu’ was, du Scheiße.« Pete schlug sie hart genug, um ihr den Kopf herumzuwirbeln, doch sie blieb ruhig und er sah zum ersten Mal eine kleine Gruppe von Männern und Frauen, die ein paar Meter entfernt von den Kindern standen. Sie trugen alle kleine Strohhütchen. Um ihre kleinen Hütchen hatten sie bedruckte Papierbänder, und auf denen stand: Baptisten- Sommer der Kinder Gottes. Pete sah sie an, und einer der Männer lächelte und machte das Daumen-hoch-Zeichen. Als Pete sich wieder umdrehte, hatte das süße kleine Mädchen einen Blutstropfen im Mundwinkel und Mordlust in den Augen.

Mr. Winekoff hatte den Zaun nicht überstiegen und stand noch auf der anderen Seite, Wasser und grüner Schaum liefen ihm am Körper herunter. »Ich hätte getötet und gefressen werden können,« sagte er.

Pete war einen Moment lang still, seine Augen ruhten in denen von Mr. Winekoff, dann sagte er: »Das könnte auch immer noch passieren.«

Der alte Mann erkletterte den Zaun und ging weg, ohne auch nur ein Wort an die kreischenden Kinder zu richten. Pete beobachtete wie er davonging, und er ging, wie ein Armeeangehöriger gehen würde. An den Yaks vorbei und direkt raus aus dem Zoo zog er von den wenigen Paaren, die wie Schlafwandler schwitzend zwischen den Käfigen herumschlenderten, nicht mehr als ein oder zwei neugierige Blicke auf sich. Und viel später, als Pete endlich einen Bus erwischt hatte, überholte er Mr. Winekoff – strammen und besonnenen Schrittes wie immer – auf der Trout-River-Brücke.


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