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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen

Hyman Roth

Sauber halten, den Laden!      

»Völkische Hebräer« und »verkorkste Genossen« –
Anarchosyndikalisten im Kampf gegen den Feind in den eigenen Reihen


Die Freie ArbeiterInnen-Union (FAU) ist eine bemerkenswerte Erscheinung innerhalb der gegenwärtigen deutschen Linken. Die FAU ist relativ erfolgreich: sie ist eine bundesweite Organisation, die sich über 30 Jahre erhielt. Die FAU ist relativ beliebt: Anarchosyndikalisten sind historische Sympathieträger, auch für viele nicht-anarchistische Linke. Der FAU gegenüber besteht nicht solche kollektive Aversion wie z.B. gegenüber trotzkistischen Kleinstparteien (im Übrigen die Lieblingskontrahenten der Anarchos in endlosen Debatten um Kronstadt und Spanien). Die historischen Erfolge der Anarchisten sind im Gegensatz zu denen der Marxisten-Leninisten nicht diskreditiert. Die FAU mag erfolgreich sein, aber nicht in ihrem eigenen Sinne. Das Anwachsen der Mitgliederzahlen oder der Auflage des Zentralorgans »Direkte Aktion« führt nicht zu mehr wilden Streiks und wider den eigenen Anspruch ist die FAU doch mehr eine linke Gruppe (von vielen) als eine Gewerkschaft.

Anarchismus – in all seinen zahlreichen Ausformungen – legt viel Wert darauf sich vom Marxismus durch den eigenen »Antidogmatismus« abzugrenzen. Die Debatte, welche sich neulich um die Hamburger FAU-Gruppe auf der Website »syndikalismus.tk« abspielte, ließe jedoch jede maoistische K-Gruppe der 70er vor Neid erblassen.1 Der Auslöser der Debatte war die Teilnahme der FAU-Hamburg an der Demonstration am 13. Dezember 2009 gegen antisemitische Übergriffe der »Antiimps« auf das Programm-Kino »b-movie«. Die Tatsache, dass eine Ortsgruppe der FAU einen gemeinsamen Aufruf mit den antideutschen Gruppen unterschrieben hat, sorgte für eine Welle der Empörung.

Zwar verfassten die Hamburger Anarchosyndikalisten eine Stellungnahme, doch hat dies die Debatte auf syndikalismus.tk erst so richtig angeheizt.2 Vor allem das Thema der Glaubwürdigkeit der eigenen (Ex-)Genossen beherrscht die zahlreichen Kommentare. »Sie sind deshalb nicht gegen Israel Fahnen, weil sie mit Israel solidarisch sind!« – mit dieser scharfen Schlussfolgerung demaskiert ein User mit dem Nickname »Umzug« die falschen Genossen. Den zahlreichen Kommentatoren von »syndikalismus.tk« kommt gar nicht erst in den Sinn gegen die Hamburger FAU zu diskutieren, es gilt sie lediglich zu enttarnen. »Und sie distanzieren sich zwar von USA-Flaggen im Nachhinein, nicht aber vom Staat Israel. Sie stellen die Völksfrage [sic!] vor die Klassenfrage, und folgen damit der völkischen Logik.« – stellt User »Harry Valerian« fest. Dessen scharfen Auge entkommt nichts. Auch nicht das: »Was keiner merken soll in ihrer Erklärung: Sie distanzieren sich nicht von den Israel-Fahnen! Und das ist das wichtigste Kriterium, um Gruppen als Antideutsch klassifizieren zu können.« Nicht etwa die Haltung zu Deutschland und der Besonderheiten des deutschen Nationalismus, nein. Antideutsch ist, wer israelische Fahnen duldet. Vergeblich alle Tricks, denn Harry durchblickt sofort: »Und noch etwas: Diese Erklärung wurde von der gesamten FAU-Hamburg unterzeichnet! Es sind also keine vereinzelten FAU-Mitglieder, die fest im antideutschen Sumpf mitmischen, es ist die FAU-Hamburg!«

Irgendeinen Unterschied zwischen der Spezifik der völkischen Bewegung und der Relativierung der »Klassenfrage« (wie auch immer die lauten soll) an den nationalen Belangen (was jede Form von Nationalismus impliziert) ist den Teilnehmern der aufgeregten Debatte unbekannt. Deren Nationalismuskritik bedarf keinerlei Analyse der jeweiligen Programme der israelischen und palästinensischen Nationalismen. Das Verdikt »Ihr gehört zur Fraktion der lupenreinen Antideutschen« ist gefallen. Das bringt die ganze FAU gleich in Rechtfertigungszwang: »Wir als FAU können es uns nicht leisten, es damit zu belassen. Im Moment ist die Region Nord am Zug, sie muss ein Sondertreffen mit einer ausschließlichen Aussprache einberufen, falls die ReKo [RegionalKoordination – Anm. des Verfassers] bei HH liegt, kann dies auch von anderen Syndikaten einberufen werden. Inhaltlich sollten sich aber auch alle in der FAU einbringen, denn wir alle sitzen im selben Boot.«, schreibt »FAUista«.

Der Ex-FAUler »Folkert« weiß sofort Bescheid – es liegt eine Verschwörung vor: »Das passiert, wenn Infiltration mit der absurden Logik des Lokalismus gekontert wird und die Achseln hochgezogen werden.« Schuld daran, dass es so weit gekommen ist, sind natürlich die FAU-Genossen, denen es an Wachsamkeit mangelt: »Lokalismus bedeutet, den eigenen Laden vorort sauber zu halten, und verkorkste GenossInnen nicht anderen FAU-Gruppen zuzumuten«, belehrt User »iweb«. »Iweb« ist aus gutem Grund verärgert, denn seine Genossen vernachlässigen ihre Säuberungsverpflichtungen sträflich: »nun wird die Region Nord mit diesem Mist konfrontiert, was Aufgabe der GenossInnen in Hamburg gewesen wäre: Sauberhalten, den Laden! Andernorts haben die Leute wirklich besseres zu tun, als wie Kindergärtner auf ihre Nachbargruppen zu achten, diese ewigen Querelen.« Also muss nochmal wiederholt werden, was eine antiautoritär-undogmatische Gruppe zu tun hat: »Achtet einfach gut darauf, wen ihr in die FAU aufnehmt, sagt auch mal Nein, wenn jemand nicht reinpasst. Seid nicht zu gutmütig. Seid offensiv gegenüber Störern. Macht diesen gleich klar, dass sie in euren Gruppen nichts zu suchen haben.«

Solche Leitlinien bringen selbst »Folkert« zum Nachdenken: »Menschen verändern sich, leider, auch zu AntiTeutonen und rassistisch-völkischen Hebräern. Wie soll das kontrolliert werden, wenn solche Figuren nicht einmal auf einem Bundeskongress gestoppt werden, wenn sie im US-T-Shirt rumlaufen?« Der Infiltration durch die »völkischen Hebräer« ist der Anarchosyndikalismus noch nicht gewachsen: »Die Infiltration hat langfristig geklappt – der Eklat ist da, die FAU hat wirklich andere Probleme, als sich mit einer durchgeknallten Hauptwiderspruchstheorie ›Antisemistismus‹ [sic!] auseinanderzusetzen (wohlgemerkt: es waren anarchistische und anarchosyndikalistische Genossen in der Weimarer Zeit, die das Thema als erste angeprangert haben, im Gegensatz zu den geläuterten Kommunisten, die dieses Thema erst nach Auschwitz thematisiert haben, nicht aber nach den Moskauer Ärzteprozessen …). Aber genau das ist ja die STRATEGIE der Zerstörung unserer Strukturen, darum geht es den ADs doch erklärtermaßen!!!« Ja, da haben die Kommunisten aber eine historische Schuld, fanden die Ermittlungen gegen »Kremlärzte« (zu einem Prozess ist es, dank Stalins Tod, nicht gekommen) doch 1951/1953 statt. Bewaffnet mit elementarem Geschichtswissen versuchen die Kommunisten, die Antideutschen und andere böse Kräfte nun die FAU-Strukturen zu zerstören. Die ganzen verbalen Attacken auf Deutschland oder den Islamismus können nicht die wahren Ziele der Antideutschen verschleiern – die Zerstörung der FAU! Auf einmal ist man doch wichtig. Da bleibt nur noch die Frage: »Was passiert jetzt mit diesen Freunden des Mossad und des CIA – wie kriegen wir sie aus unseren Kreisen heraus, welcher operative Eingriff hilft jetzt noch?«

User »dissident« erläutert die Taktik der Anti-FAU-Verschwörung genauer: »So gesehen schaffen es die Antideutschen, ganze Ortsgruppen vom Klassenkampf abzuhalten, in bestenfalls studentische vegane genderbezogene Diskussionen zu verstricken, und über funktionierende, kämpfende Anarchosyndikalistische Gruppen, die gern IN der FAU wären, sich zu beschweren, sie würden sie abhalten, zu kämpfen.« Dass die blöden Nebenwiedersprüche nur vom Klassenkampf ablenken, gehört zum Grundwissen von all den unermüdlichen Kämpfern gegen jeglichen marxistischen Dogmatismus. Der Genosse »sozialhackler« aus Österreich macht gleich einen Vorschlag zur Güte: »ich empfehle mal mehr klassenkampf (im betrieb, in der branche, lokal, regional und transnational) und weniger politik.« Nochmal trollt der User »Punk« in die Runde »faschismus, bolschewismus und antideutschtum sind keine meinungen sondern verbrechen gegen die menschlichkeit.«, dann wendet sich die Debatte, die ausgedruckt auf Papier immerhin stolze 31 Blätter füllt, endgültig der Frage zu, ob es korrekt war, den Hamburger Vorfall der Gesamtorganisation anzukreiden.

 

ANMERKUNGEN

1) Syndikalismus.tk ist zwar keine offizielle Homepage der Organisation, jedoch bezeichneten sich viele Teilnehmer der Debatte als aktive oder ehemalige FAU-Mitglieder.

2) Alle folgenden Zitate aus:http://syndikalismus.wordpress.com/2010/01/07/mal-wieder-ein-einblick-hinter-die-ver-di-gewerkschafts-kulissen-vor-geld-nicht-laufen-konnen-aber-bei-%e2%80%9eeigenenangestellten%e2%80%9c-einsparen/


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