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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen


Editorial


Mit dem ablehnenden Votum der SchweizerInnen zum Bau weiterer Minarette im November vergangenen Jahres hat die Debatte um Integration und Ausgrenzung des Islam in Europa erneut Aufwind bekommen. Abgesehen von einigen Wenigen, die das Abstimmungsergebnis im Namen der Wahrung des christlichen Abendlandes willkommen hießen, zeigten sich Politik und Öffentlichkeit hierzulande einhellig über den Ausgang schockiert und bekannten sich postwendend zum religiösen Pluralismus und zur Notwendigkeit der Integration. Und tatsächlich lässt sich das Ergebnis des, von der rechtskonservativen SVP angestoßenen, Volksentscheides nur wenig anders verstehen denn, als Ausdruck kollektiver rassistischer Paranoia vor Kulturverlust und ‚Überfremdung’ – waren doch eben nicht z.B. die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften oder die Gleichbehandlung der Frau innerhalb des Islams Gegenstände der Debatte. Aber auch in Deutschland zeigte man unter dem Stichwort Islamophobie an der Auseinandersetzung mit repressiven Strukturen innerhalb islamischer Gemeinschaften desinteressiert und konzentrierte sich auf anderes.

So untersucht der Leiter des »Zentrums für Antisemitismusforschung«, Wolfgang Benz das »Feindbild Islam« als Ausdruck der Islamophobie, um paradigmatisch, so Benz, die Erkenntnisse aus der Analyse des Antisemitismus zur Anwendung auf das Phänomen der Islamophobie zu nutzen. Während z.B. Henryk M. Broder oder die Jerusalem Post kritisierten, Benz unterschlage in seinem Vergleich Differenzen zwischen Antisemitismus und Rassismus, reagierten z.B. die taz oder der tagesspiegel bezüglich des Benzschen Vergleichs pawlowsch mit der Lieblingsfrage der Deutschen: »Darf man das?« – um diese letzten Endes mit einem »Man muss!« beantworten zu können. So Frank Jansen im tagesspiegel (8.1.2010):

»Benz hat [...] die These präsentiert, die Parallelen zwischen Antisemitismus und Islamophobie seien unverkennbar. Darf man sowas sagen, knapp 64 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz?« – um schließlich beim moralischen Imperativ der Berliner Republik (»nicht trotz, sondern wegen Auschwitz«) anzukommen: »Die Vorwürfe gegen Benz offenbaren einen fatalen Hang, eine Art Opfer-Hierarchie zu errichten. Wer sich unter Verweis auf den Holocaust weigert, über Parallelen zwischen dem Antisemitismus und dem antimuslimischen Rassismus nachzudenken, markiert die Opfer der Judenhasser von heute als eine besondere Spezies und würdigt Opfer anderer Rassisten als weniger beachtenswert herab. Um den Rassismus in Deutschland zu bekämpfen, muss man sich vergegenwärtigen, welche historischen und neuen Mechanismen der Ausgrenzung von Minderheiten, seien es Juden oder Muslime, virulent sind.«

In dieser ‚Argumentation’ wird das, worauf ein Vergleich von rassistischem Ressentiment gegen den Islam und Antisemitismus nicht notwendig hinauslaufen müsste, vorweggenommen – die Gleichsetzung der Opfer (»seien es Juden oder Moslems«) und damit implizit der Täter. Im Namen der von ihren Taten in Auschwitz geläuterten Nation wird davor gewarnt, die »Opfer des Judenhasses« in der Hierarchie über andere Opfer zu stellen. Laut dieser Aus-der-Vergangenheit-gelernt-habenden Meinungsmache erschweren die, die mit ihrer Kritik am Benzschen Forschungsvorhaben daran erinnern, dass nicht die Erinnerung an die Shoah, sondern die Deutschen die Juden »als eine besondere Spezies« ‚markierten’ und nahezu deren Vernichtung realisierten, den Kampf gegen »Rassismus in Deutschland«. Die ‚Dürfenfrage‘ steht im Kosmos der Paranoia: das Verbot wird herbei halluziniert um zu genießen, was niemand jemals verboten hat, dadurch aber nicht wahrer wird: das warnende Geplappere über vermeintliche Instrumentalisierung – den »Verweis auf den Holocaust« – und die gutmenschelnden ‚Enthierarchsierung’ der Opfer führt zur Gleichsetzung der deutschen Verbrechen mit anderen. Das ist deutscher Antifaschismus – die Liebe zu Deutschland bastelt sich eine Geschichte, in der es keine Differenz zwischen den deutschen TäterInnen und anderen VerbrecherInnen der Menschheitsgeschichte gibt, wenn der historischen Realität, in der in der Tat die jüdischen Opfer in der ‚Hierarchie’ ganz oben standen, im Zuge der ‚gelungenen Aufarbeitung’ in der heutigen antirassistischen ‚Enthierarchisierung’ die Bedeutung entzogen wird. Die Proklamation der Gleichheit der Opfer ist der Zaubertrick, die Deutschen in ganz normale Täter unter anderen Tätern zu verwandeln. Könnte man Wolfgang Benz’ Forschungsprojekt noch als ein im besten Falle wenig erkenntnisförderndes Unterfangen verstehen, als klassischen Fall bürgerlicher Geschichtsschreibung, in der die »einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte« (Marx) im Studium des Bewusstseins, des Vorurteils, verschwindet (anstelle eines ‚Vergleichs’ der Bedeutung von Rassismus und Antisemitismus, die in der vergangenen und gegenwärtigen Realisierung der Verfolgung und Vernichtung der Opfer liegt und aus der ‚Meinung’ der TäterInnen eine – spezifische – Wirklichkeit für die Opfer werden ließ und lässt). Frankens Gleichheitsforderung speist sich ohne weitere Umwege direkt aus einem Moralismus in nationaler Sache, in dem der ‚Kampf gegen Rassismus’ in der Gleichsetzung der Opfer die Geschichte als die der Sieger schreibt. Die vorliegende Ausgabe hat die Kritik dieser Geschichtsschreibung zum Schwerpunkt und ist nach wie vor:
Aus Gründen gegen fast alles.

Die Redaktion.


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