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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen

Friedrich Schorbh

Der Kitt, aus dem deutsche Träume sind

Rezension des Sammelbandes »Deutschlandwunder«

 

Mit dem Ruf »Nie wieder Auschwitz« zogen die Mütter und Väter der Friedensbewegung unter Führung Joseph Fischers in den ersten bundesrepublikanischen Angriffskrieg. Seiner historischen Verantwortung bewusst, präsentiert sich das geläuterte Deutschland umso selbstbewusster als kriegsführende »Friedensmacht« auf internationalem Parkett.

Doch dieser kreative Umgang mit der Vergangenheit ist -  trotz seines unbestrittenen Nutzens für die Interessen Deutschlands - noch immer die Ausnahme. 

Schuld ja, aber nicht nur unsere, lautet dagegen die Botschaft, die vom geplanten europäischen Zentrum für Vertreibung oder den Gedenkfeiern anlässlich der Bombardierung Dresdens ausgeht. Das Leiden der Opfer, gleich ob Deutsche, Juden oder Polen, ist universell. Wer wie die Deutschen Schuld eingestanden und Verantwortung bekannt hat, darf dies auch von anderen erwarten. Auch die Briten sollen um die Opfer des von ihnen entfachten Feuersturms trauern, auch die Polen des Leides der vertriebenen Schlesier und Ostpreußen gedenken.

»Die Berliner Republik ist zu einer Erzählgemeinschaft geworden, in der jeder Zeitzeuge und jede Zeitzeugin seinen bzw. ihren Platz hat. Egal ob jüdisches Opfer, sowjetischer Soldat oder deutsche Trümmerfrau: Im deutschen Erinnerungsdiskurs hat sich längst durchgesetzt, dass jede Erfahrung subjektiv und jedes Leid gleichwertig ist« (S. 7f.), schreibt das Autorenkollektiv kittkritik in der Einleitung zu dem von ihm herausgegebenen Sammelband »Deutschlandwunder«.  Der befasst sich indes weniger mit der politischen Interpretation von Auschwitz zwischen Keule (Walser) und Reifezeugnis (Fischer) als mit seiner kulturindustriellen Verwertung. Untersucht werden soll, wie der kulturindustrielle Kitt über die Generationen hinweg ein neues ‚Schwarz Rot Geiles' Nationalgefühl geschaffen hat, indem sich bis heute wesentliche Elemente des nationalsozialistischen Bewusstseins und des Antisemitismus finden lassen. Anschauungsmaterial finden die AutorInnen in bildender Kunst, Popmusik, Hörspiel, Film und Computerspiel.

Im Mittelpunkt des Sammelbandes stehen Beiträge, die sich mit aktuellen Filmproduktionen zur Nazivergangenheit und den Gründungsmythen der Nachkriegszeit befassen.

Sebastian Winter beschreibt in seinem Aufsatz »Arischer Antifaschismus« wie die Nazis darin durchgängig als das dargestellt werden, was schon ihre historischen Vorgänger hassten. Feige, fanatisch, falsch, lüstern, charakterlos und hysterisch sieht er die Nazifiguren in den Nazifilmen: Eva Braun und Magda Goebbels in »Der Untergang«, Gauleiter Stein und Lehrer Peiner in »Napola Elite für den Führer«,  der Präsident des Volksgerichtshofes Roland Freisler in »Sophie Scholl« (alle 2004). Die Deutschen dagegen erscheinen als gute, charakterlich gefestigte und authentische Persönlichkeiten, gleich ob sie Widerstand leisten wie Sophie und Hans Scholl oder ehrliche wenn auch naive Nibelungentreue üben wie Hitlers Sekretärin Traudl Jung. Sie verkörpern das neue Nachkriegsdeutschland, dessen «Reinheit keiner der drei Filme in Frage stellt, wohl aber die ‚Nazis' als ihre legitimen VertreterInnen. Und während diese ‚Nazis' sublim mit den ebenfalls aus der Nachkriegsgesellschaft verschwundenen JüdInnen assoziiert werden, überlebte die ambivalenzfreie und stereotype ‚deutsche Weiblichkeit und Männlichkeit' mit ihrer kameradschaftlich-mütterlichen Selbstlosigkeit im Dienste der Gemeinschaft abgetrennt von der völkischen Gedankenwelt, der sie entstammte.«  ( S. 66).

Ganz ähnliche Muster findet Antonia Schmid in ihrem Beitrag über den Fernseh-Zweiteiler »Dresden« (2006). Das deutsche Opfer in Idealform ist hier die Hauptperson Anna. Sie symbolisiere, so Schmid, Verzicht, Aufopferung und Nächstenliebe, während ihr Vater und ihre Schwester zwar nach Außen aufrechte Nationalsozialisten markierten, in Wahrheit aber nur ihren persönlichen Vorteil suchten. Die Schwester, indem sie statt Flüchtlinge zu versorgen mit ihrem Liebsten knutscht. Der Vater, indem er Morphium, das für die Verwundeten bestimmt war, an Nazigrößen verhökert. Was den Fernsehfilm Dresden von den angesprochenen Kinofilmen unterscheide, so Schmid, sei das Motiv des reinigenden Feuersturms. In ihm würden, analog zum Konzept der biblischen Apokalypse, alle gleich, egal ob schuldig oder unschuldig, egal ob Deutsche, Nazis oder Juden.

Mit einem zentralen Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt sich der Beitrag von Sonja Witte. »Das Wunder von Bern«, der Gewinn der Weltmeisterschaft durch die Fußball  Nationalmannschaft 1954, meint in der volkstümlichen Geschichtsschreibung »das Ende einer eingebildeten Schmach, die nicht als Folge der eigenen Taten gesehen, sondern als dem deutschen Volk ungerechtfertigt von außen auferlegt empfunden wurde.« (S. 8)

In dem gleichnamigen Film (2003) dient das Schicksal einer durch den Krieg zerrissenen Familie vor dem Hintergrund der Fußball-WM 1954 als Folie für die Aussöhnung der Generationen und als kollektive Genugtuung für die erlittene Niederlage. Die Transformation von Verlieren zu Siegern und der Schulterschluss der Tätergeneration mit ihren Kindern findet, wie Witte anmerkt, nicht länger auf dem Schlachtfeld, sondern sportlich fair im Fußballstadion statt. Der Beitrag von Witte untersucht den Plot des Films mit psychoanalytischen Mitteln. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtung steht die Szene, in der der Vater Richard - nichts böses ahnend und dennoch denkbar unsensibel - die geliebten Kaninchen des Sohnes demselben zum Fraß vorsetzt. Witte interpretiert den Vorgang als orale Einverleibung von Schuld. »Ohne Wissen verleibt sich Matthias Richards Opfer ein, wird wie der Vater schuldig, stößt das Unverdaute aus und beteuert gegenüber der Mutter seine Unschuld.« (S. 223).

Im zweiten Abschnitt des Buches »82 Millionen Hooligans«, steht nicht mehr die kulturindustrielle Auseinandersetzung mit der Nazizeit oder der Nachkriegszeit im Vordergrund, sondern das Nationalgefühl der Jetztzeit.

In ihrem Beitrag »Stars down to earth« analysieren Eric Peters und Dierck Wittenberg am Beispiel des WM-Songs der Sportfreunde Stiller Funktion und Wirkungsweisen des neuen National-Pops. Die Sportfreunde zelebrieren, so Peters und Wittenbergs These, in ihrem Video zum offiziellen WM-Song ‚1954-1974-2006' vor dem Hintergrund der scheinbar unpolitischen Begeisterung für die Fußballnationalmannschaft die Aussöhnung des einst subversiven Rock'n Rolls mit der Nation. Dabei verzichteten die Sportfreunde nicht auf eine rebellische Punkrock Attitüde. Doch die Geste habe nichts Provozierendes mehr, sondern werde »zur Plattform der Einheitsduseligkeit deutscher Generationen.« (S. 91) Die Sportfreunde bemühten sich zwar  - ganz im Sinne des staatstragenden Antifaschismus -  den bösen Nationalismus vom guten Patriotismus abzutrennen, indem sie in das Wankdorfstadion zu Bern ein Banner mit dem Schriftzug »Nazis Raus« montieren. Der Versuch aber die Helden von Bern und ihre Fans nachträglich zu AntifaschistInnen zu erklären, scheitere an der historischen Realität. Denn »hätte das Transparent wirklich dort gehangen, hätte mindestens das halbe Stadion nach Hause gehen müssen - inklusive DFB-Präsident und Bundestrainer.« (S. 92)

Äußert lesenswert ist der Beitrag von Baeck und Beeck über die Jugendkrimireihe TKKG. Statt Spaß am Kombinieren und am knacken kniffliger Fälle zelebriere die Serie TKKG das Vorurteil, lautet ihre zentrale These. Und tatsächlich lassen Namen wie Wodka Bruno, Miethai Zinse oder Dr. Mabuse wenig Zweifel an der Schuld der von Anfang an Verdächtigten.

Unerwartete Wendungen, Ambivalenzen und Grautöne - alles was das Detektivgenre aus und spannend macht - seien die Sache von TKKG-Erfinder Stefan Wolf nicht, bilanzieren Baeck und Beeck. »Ungewissheit und Spannung beziehen die TKKG-Fälle nur aus der Frage, wie die Strafe für die Übeltäter am Ende aussehen wird. Denn dass sie bestraft werden, daran besteht kein Zweifel« (S.73). Da aber die Bestrafung durch den Rechtsstaat -  verkörpert durch den väterlichen Kommissar Glockner - häufig nicht dem gefühlten Strafbedürfnis von TKKG genüge, schlage der Volkswille, verkörpert durch Stefan Wolfs alter ego Tarzan, umso schonungsloser zu.

Die Welt von TKKG, halten Baeck und Beck fest, ist der permanente Ausnahmezustand. Und deshalb widerspreche sich Autor Stefan Wolf auch nur scheinbar, wenn er Tarzans Gewaltexzesse im Interview als Notwehr bezeichnet. Denn eben jenes durch Tarzan vollzogene Standrecht sei »gerade die Notwehr der Gemeinschaft gegen die Zersetzer und damit der Grund, warum TKKG funktioniert.« (S. 80)

Auch wenn in manchen Beiträgen verschachtelte Satzkonstruktionen und überfrachtete Allegorien die Lesbarkeit beeinträchtigen, ist der Band »Deutschlandwunder« ein wichtiges und lesenswertes Buch. Es zeigt im Großen und Ganzen überzeugend, nach welchem Muster sich die Versöhnung der Enkelgeneration mit der Tätergeneration in den untersuchten Medien vollzieht und wie daraus ein »normaler«, »fröhlicher« und »gesunder« deutscher Patriotismus konstruiert wird. Nach dem klärenden Generationengespräch, das nicht mehr wie noch 1968 in konfrontativer, sondern in kooperativer und empathischer Atmosphäre stattfindet, dürfen auch Deutsche endlich wieder normal nationalistisch sein. Diese neue deutsche Normalität zu  kritisieren und die Abspaltung der Nazis aus dem deutschen Familienalbum zu dekonstruieren, ist den AutorInnen von »Deutschlandwunder« eindrucksvoll gelungen.

 

Alle Zitate nach:
Kittkritik (Hg.) : Deutschlandwunder. Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur, Mainz 2007 (Ventil).



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