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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen

Sonja Witte

Bremer Theater - Kafka auf Kresnik:
Amerika tadeln, Deutschland adeln

 

 

Das neue Stück Amerika des Skandalregisseurs J. Kresnik am Bremer Theater, Busenfreund des Intendanten und Walserfans Pierwoß, ließ schon vor seiner Premiere am 14. April im Bremer Güterbahnhof Dämme brechen: in Folge eines Konstruktionsfehlers fluteten hunderttausende Liter Wasser die zur Theaterbühne ernannten Gleise, die eigentlich zur Darstellung des Nordatlantik bestimmt waren. So musste Karl Roßmann trockenen Fußes von Europa nach Amerika schippern. Karl Roßmann ist der Protagonist des Romanfragments »Amerika« von Franz Kafka, mit dem das Kresnik-Stück unmittelbar nicht mehr zu tun hat als Auschwitz mit Guantanamo: beides möchte aber dem Publikum eher plakativ als assoziativ nahe gelegt werden. Die Adaption Kafkas misslingt zu einer populistischen Umdeutung, in deren Zentrum antiamerikanisches Ressentiment steht.

Im Foyer empfängt ein Tonband das Publikum mit Ausschnitten aus Kafkas Erzählung »Vor dem Gesetz«, die im Original folgendermaßen beginnt: »Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren kann. ‚Es ist möglich', sagt der Türhüter, ‚jetzt aber nicht.' Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehen. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: ‚Wenn es dich so lockt, versuch es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.'«1

Das Subjekt bei Kafka ist einem ihm unbekannten Gesetz unterworfen, selbst der Türhüter kennt weder das Innere des Gesetzes, noch die Instanz, die das Gesetz aufrichtet. Bei Kresnik hingegen bekommt die namenlose Gewalt den Namen: Weltmacht USA - und das Geheimnis des Gesetzes selbst wird gelüftet: amerikanischer Profit ohne Rücksicht auf Verluste.

Mag sich das Feuilleton über Kresniks mangelnde Werktreue und Trivialisierung des Kafkaschen Stoffs beklagen, so wird gleichzeitig stets betont, dass Kresnik seine künstlerische Freiheit stets dazu verwendet, zu polarisieren - so is' er halt, unser Kresnik. Doch de facto polarisiert Kresnik mit diesem Stück in kaum einer Weise, sondern das antiamerikanische Ressentiment trifft den kulturellen Mainstream - unbequem mag daran die Offenheit sein, mit der er das tut. Die Kresniksche Umdeutung Kafkas, die der namenlosen Gewalt des Gesetzes einen Namen und eine Instanz zuweist, ist kein künstlerischer Blitz des freien Geistes, sondern Inszenierung gesellschaftlichen Ressentiments, die die Gewalt des Kapitals Amerika und dessen Durchsetzung die Amerikanisierung Europas nennt. Die dem antiamerikanischen Ressentiment inhärente Gegenüberstellung der USA (als Repräsentantin eines schrankenlosen Profitstrebens, dem Inbegriff eines ‚zügellosen Kapitalismus' jenseits aller Moral und Menschlichkeit) und dem Bild des ‚good old europe' (als moralisch integerem Gegenentwurf, das sich auf Tradition und wahre Werte berufen kann) ist das Movens der Kresnikschen Inszenierung. »Amerika« appelliert an das nationale Gefühl, sich - angesichts des ‚Schurkenstaates USA' - als (europäische) Deutsche und damit als Schützer von Frieden, Wahrheit und Recht zu begreifen.

In Form einer Prozession schiebt sich das Publikum - mit dem schlechten Atem des Nachbarn im Nacken und dem Ellenbogen eines anderen im Magen - auf Blickfang über das Gleis im Güterbahnhof und wird zu dem, was es immer schon sein wollte: einig, europäisch, deutsch und vor allem gegen Amerika.

Verbündete des Publikums sind Karl Roßmann und seine Verlobte Felice - beide haben auf der Suche nach Freiheit und Gerechtigkeit Europa verlassen und werden in Amerika eines Schlechteren belehrt. Karl trifft bei der Ankunft seinen Onkel Jacob, der ihm rät: »Vergiss deine Eltern, vergiss deine Heimat, ich zeige dir die große weite Welt.«2 Die verzerrte amerikanische Nationalhymne lässt das Publikum ahnen, wohin das führen wird: geradewegs in das Symbol für den Unrechtsstaat Amerika - nach Guantanamo. Zuvor führt der Weg von Felice und Karl das Publikum an mehrere Stationen des Bahngleises. An der ersten werden Felice und Karl einer Selektion unterzogen: die amerikanische Einwanderungsbehörde stellt Fragen nach Herkunft, Gesinnung, Name - und Felice fragt überrascht: »Sie sortieren die Menschen?« Schnell muss sie Zuflucht vor Steinen in einem Blechschrank suchen, die donnernd dessen Tür treffen. Nach einer Rektaluntersuchung wird festgestellt: lebenswert oder lebensunwert - in Amerika wird gemäß dem Kriterium an den Rampen deutscher KZs verfahren.

Weiter geht es zum Schlachthof von Onkel Jacob, dem skrupellosen Senator und Händler. Zwischen Rind- und Schweinekadavern begrüßt er Karl: „Willkommen in Amerika, Karl - die Ankunft in Amerika bedeutet die Geburt in die Humanität!" Als Senator proklamiert er Menschlichkeit, Freiheit, Erfolg - als Vertreter der Wirtschaft zeigt er Karl, was das in Amerika eigentlich bedeutet: »Zig Millionen tote Rinder, zig Millionen tote Schweine und Schafe täglich allein in New York!« posaunt Onkel Jacob, während Blut aus einem Schlauch in seinen Händen spritzt. Karl beginnt zu verstehen, dass hinter dem politischen Versprechen Amerikas der Tod im Dienste des Profits steht und ruft, mit einem Knüppel blutiges Fleisch auf einem Grill schlagend: »Rinder, Schweine, Menschen, alle werden gleichgemacht - McDonalds, Burger King - wenn es in New York schneit, sind die Strassen rot - Onkel Jacob, was machst du, isst du Fleisch? Rinder, Schafe, Menschen...« Jeder Tag in New York ein Holocaust.

Das Publikum setzt sich wieder in Bewegung und folgt Karl und seinem Onkel Jacob zum Landgut des Waffenhändlers Pollunder und dessen Tochter Klara, der Repräsentantin amerikanischer Sexualität. Während die deutsche Felice aus Oldenburg Karl Roßmann auf wahre, tiefe und ehrliche Weise liebt und im Hochzeitskleid naturverbunden die Wolken ziehen sieht, vermag Klara Pollunder in goldener Glitzerfolie und Perücke nur falsche Gefühle und keine Naturverbundenheit aufzubringen. Dennoch bringt sie Karl dazu, zu ihr in die Badewanne zu steigen, auch wenn er bemerkt: »Dein Mund ist nicht so rot wie der von Felice, rot wie Klatschmohn.« »Klatschmohn?« kreischt Klara. »Was is'n das? Kenne ich nur aus dem Fernsehen. Ich esse Hamburger morgens, mittags, abends.« Und sie schmiert den Karlschen Schwanz mit Ketchup und Mayo ein, während er von Königsberger Klopsen und Kartoffeln schwärmt und davon, wie er nachts mit seinem Hund in die Sterne blickt. Wieder beginnt das unnatürliche Weib zu schreien: »Hunde? Ich habe eine Tierhaarallergie!« Sie hat eine bessere Idee: Sex in Amerika. »Schlag mich, schlag mich - ich spüre nix!« Karl kann mit derartigem nichts anfangen und sinniert - ausgestattet mit ‚Penis rot-weiß' - über sein Buch, das er zu schreiben gedenkt, wird aber von Klara unterbrochen, die das Fazit ihrer Lieblings TV-Show zum Besten gibt: »Amerika ist das auserwählte Volk - für die Demokratie arbeiten und töten wir!« In Verkleidung der Klara Pollunder erscheinen die USA als nicht nur kultur- sondern auch naturloser Aggressor, der die europäische kulturelle Tradition und Naturverbundenheit im Namen von entfremdeter Sexualität und McDonalds zu zerstören sucht.

Ist Felice Karl treu ergeben und träumt sie nicht von aggressiver Sexualität, sondern von einem gemeinsamen Süßwarengeschäft, so präsentieren ihre amerikanischen Geschlechtsgenossinnen ein Bild der Frau, das schon im Nationalsozialismus als Verrat an der Reinheit der deutschen weiblichen Sexualität galt. Während Felice hold und natürlich und ohne böse Absichten ist, sind ihre amerikanischen Schwestern ausgestattet mit einer vor die ‚wahre Brust' gespannten Silikonattrappe, und wollen von Karl Sex um des Sexes Willen abseits von wahren, deutschen Gefühlen ganz aus dem Inneren und schwelgen liederlich in Champus, statt mädchenhaft in Konfekt. Demgemäß warnte schon die NS-Frauenwarte 1940: »Die nationalsozialistische Idee ist zutiefst lebensbejahend. [...] Ein schönes Mädchen ist gewiss nicht zur Nonne erschaffen - allerdings [...] auch nicht zur Kokotte! Die leichte und frivole Erniedrigung der Frau zum Vergnügungsobjekt, die widerwärtige Verfälschung eines gesunden, natürlichen Körpergefühls im Sinne platter [...] Geschlechtsgier, diese ganze verzerrte, ungesunde Atmosphäre gehört ausschließlich in das Kapital der jüdischen Zersetzungspropaganda!«3 Die Feindschaft gegen weibliche Koketterie und Maskerade verknüpft sich hier mit der Ablehnung von Amerika, in dem das Geld regiere, die Natur entfremdet und die Kultur minderwertig, weil verkäuflich sei.

Waffenhändler Pollunder klärt auf, dass Lincoln mit seinem Versprechen, für alle Bürger Gleichheit herstellen zu wollen, unrecht hatte, denn: »Wir Amerikaner wollen alles Fremde zerstören! Die Islamisten sagen, wir sähen aus wie der Teufel - aber, sehen wir wie Teufel aus?« Daran lässt die Inszenierung Kresniks keinen Zweifel: Vor dem Publikum steht der Teufel in Gestalt Amerikas.

Wie hingegen endet die Erzählung »Vor dem Gesetz" bei Kafka? Der Mann vom Lande wundert sich über den vom Türhüter verweigerten Einlass: »[...] das Gesetz soll doch von jedem und immer zugänglich sein.« Er entschließt sich zu warten und wartet sein Leben lang, immer wieder den Türhüter um Eingang in das Gesetz bittend. »Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergisst die anderen Türhüter und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch [...].«4 Kurz vor seinem Tod wird er dem Türhüter noch seine letzte Frage stellen, warum niemand außer ihm um Einlass gebeten habe, wo doch alle nach dem Gesetz streben. Und der Türhüter antwortet: »Hier konnte sonst niemand Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.«5

Bei Kafka vollzieht sich das Gesetz als irrationale Struktur: im Sterben vergisst der Mann vom Lande die hinter dem ersten Türhüter stehenden anderen und erhält als letzte Antwort: Dieser Eingang war nur für dich bestimmt - jetzt ist er geschlossen. Warum gab es vorher keinen Einlass, wenn die Tür für ihn bestimmt war? Warum hatte er das Verbot des ersten Türstehers anerkannt? Gab es außer dem Mann vom Lande keine weiteren Wartenden, so gab es vielleicht auch keine weiteren Türsteher - gab es letzten Endes überhaupt ein Gesetz? Bestand das Gesetz darin, das äußere Verbot in ein inneres zu verwandeln?

Bei Kresnik wird die Frage entschieden: wie dem alternden Mann vom Lande der erste Türsteher erscheinen Pollunder und Onkel Jacob dem Publikum als unmittelbare Vollstrecker der Ordnung, dessen Rätsel ohne Unterlass ausposaunt wird: In Amerika töten wir im Auftrag der Demokratie, hinter unserem Recht steht das Unrecht gebastelt aus Kaugummi und Mord, McDonalds und Regenwaldabholzung, Porno und Korruption. Der arme Mann vom Lande, Karl Roßmann erhält Einsicht und eröffnet die Aussicht, die die Perspektive des Publikums ist: Wir wissen, was wir an uns haben - statt McDonalds Sojawurst, Birkenstocks statt Solarium, FKK statt Pamela.

Und ist in Deutschland die Frage der nationalen Identität immer mit der der Schuld der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft verbunden, mag es nicht wundern, dass auch der Kafkasche Topos der Schuld in Kresniks Amerika eine wundersame Wendung erhält.

Während bei Kafka das Subjekt im Zeichen einer unbestimmten Schuld steht, weder wissend, woran es schuldig geworden ist, noch, von wem es für schuldig befunden wurde, wird die Schuldfrage hier entschieden: eins zu null im Spiel Amerika gegen Deutschland. Das Volkstheater ‚Kafka für Blöde' eröffnete Karl Roßmann im Prolog: »Was ist meine Schuld? Wer wird mir den Prozess machen?"»Und das deutsche Lehrstück klärt auf: Rossmann kam unschuldig aus Europa in die USA, wurde zum Regimekritiker, schrieb ein Buch gegen Amerika und wurde von Bush persönlich für schuldig befunden für den Verrat an Amerika.

Big Brother gleich erscheint Bush auf einer Wand aus Bildschirmen und richtet sich an ihn: »Bist du für mich oder gegen mich? Schreib dein Buch - Papier brennt gut!« Waren es nicht die Deutschen gewesen, die Bücher verbrannten? Ach was, auch die Fronten des Zweiten Weltkrieges können auf den Gleisen des Güterbahnhofs neu gezogen werden. So verrät Herr Pollunder im Cowboyhut: »Ich war schon im Vietnamkrieg im Namen der Gerechtigkeit töten. Und meine Großeltern haben die Nazis unterstützt. Man muss nur zur rechten Zeit die Seite wechseln.« Die Amerikaner als Strippenzieher Hitlers, Bücherverbrenner und Lagerkommandanten... Zum Ende hin ziehen zwei Dutzend Engel mit brennenden Flügeln aus Papier hinaus und auch Felice, die nun gemeinsam mit Karl in Guantanamo einsitzt, ist mit eben solchen ausgestattet. Auf der Bühne werden Deutsche von Amerikanern schuldig gesprochen: im »Lager« - man beachte im, nicht für die Errichtung derselben. Alle - jüdische Opfer, islamistische Terroristen, Deutsche - werden in diesem szenischen Bild zu unschuldigen Opfern der USA erklärt. Die USA erscheinen als unrechtmäßige Schuldinstanz und damit selbst als Schuldige.

Wer das Stück nicht gut findet, kann so deutsch nicht sein - so fragte Kresnik einen Besucher einer Voraufführung, der akzentfrei seinen Unmut über das Stück äußerte: »Bist Du Amerikaner?« Und präzisierte die Botschaft seines Spektakels: »Dann raus hier!«

Das auch im Herzen deutsche Publikum hingegen wird von sanften Klängen begleitet hinausgeleitet - vorbei an einer weiteren Bildschirmwand, auf denen ein wildgewordener Donald Duck im Loop die Freiheitsstatue küsst. An der letzten Haltestelle der Volkswanderung erfüllt sich der deutsche Traum von Amerika: mit lautem Geklöter kracht die Freiheitsstatue zusammen. Der ‚Damm der Schuld' wird gebrochen, die Rache genommen: Der Schlussapplaus ist als Beifall des Publikums für die symbolischen Vollendung des 11. Septembers inszeniert und stellte bis Ende Juli unter Beweis, wie wenig in Deutschland ein sich als kapitalismuskritisch verstehender Antiamerikanismus mit Kafka und wie viel mit der Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit, in der deren Gegner zu Tätern und deren Täter zu Opfern erklärt werden, zu tun hat.



ANMERKUNGEN

1) Franz Kafka: „Die Erzählungen". Frankfurt a.M. 1996, S. 162

2) Alle im Folgenden nicht weiter gekennzeichneten Zitate sind aus Amerika von Kresnik.

3) zit. nach: Dagmar Herzog: „Die Politisierung der Lust - Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts". München 2005, S. 51

4) Franz Kafka, Frankfurt a.M. 1996, S. 163

5) ebd., S. 163


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