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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen

Lars Lippmann

Was bedeutet: Umarbeitung der Vergangenheit?


Der Titel dieses Artikels orientiert sich nicht zufällig an Adornos Vortrag »Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?« Dieser ist, obwohl zum ersten Mal 1959 gehalten, sowohl in den beschriebenen Phänomenen als auch in den Erklärungen erstaunlich aktuell. Zugleich hat er seinen historischen Wahrheitskern - der Gegenstand hat sich gewandelt. Während Adorno aufdeckt, wie jene, die den NS selbst gelebt haben, unter dem Deckmantel der Aufarbeitung die Suspendierung der Erinnerung betreiben, ist heutzutage zu erklären, aus welchen Motiven die sogenannte zweite und dritte Generation der Nachkriegsdeutschen die Vergangenheit umarbeitet. Die Aktualität von Adornos Bestimmungen hat ihren Grund im Fortbestand des falschen Ganzen, aus dem sich sowohl der NS entwickelt hat, dessen Möglichkeit es perpetuiert, als es auch objektiv die Tendenz zur Umarbeitung der NS-Vergangenheit in sich trägt. Adorno beschreibt in »Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?« zunächst die neurotischen Symptome des deutschen Umarbeitens der NS-Vergangenheit: »Unbestreitbar gibt es im Verhältnis zur Vergangenheit viel Neurotisches: Gesten der Verteidigung dort, wo man nicht angegriffen ist; heftige Affekte an Stellen, die sie real kaum rechtfertigen; Mangel an Affekt gegenüber dem Ernstesten; nicht selten auch einfach Verdrängung des Gewußten oder halb Gewußten.« (Adorno 1959, S.556) Jedoch beugt er im Folgenden einer voreiligen psychologischen Erklärung vor: »Aus der allgemeinen gesellschaftlichen Situation weit eher als aus der Psychopathologie ist denn wohl das Vergessen des Nationalsozialismus zu begreifen.« (Adorno 1959, S.558) Dieses Vergessen des real Vorgefallenen stellt die Voraussetzung der heutzutage zu beobachtenden Umarbeitung der Historie dar. Dass die Gründe für dieses Vergessen in den gesellschaftlichen Bedingungen zu finden seien, lässt sich wohl als einer der roten Fäden bestimmen, die den gesamten Vortrag durchziehen. In den Gesammelten Schriften, in denen die Version des Vortrags aus dem Jahre 1959 abgedruckt ist, wird dieser Gedanke an dieser Stelle jedoch nicht detaillierter entfaltet. Im Gegensatz hierzu fügt Adorno 1960, als er den Vortrag im Hessischen Rundfunk wiederholt, einige Ausführungen zu den allgemeinen Gründen des Geschichtsverlustes ein: »Diese deutsche Entwicklung, flagrant erst nach dem zweiten Weltkrieg, deckt sich aber mit der seit Henry Fords ‚history is bunk' bekannten Geschichtsfremdheit des amerikanischen Bewusstseins, dem Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung. Es ist kein bloßes Verfallsprodukt, keine Reaktionsform einer Menschheit, die, wie man so sagt, mit Reizen überflutet ist und mit ihnen nicht mehr fertig wird. Sondern es ist mit der Fortschrittlichkeit des bürgerlichen Prinzips notwendig verknüpft. Die bürgerliche Gesellschaft steht universal unter dem Gesetz des Tausches, des Gleich um Gleich von Rechnungen, die aufgehen und bei denen eigentlich nichts zurück bleibt. Tausch ist dem eigenen Wesen nach etwas Zeitloses, so wie Ratio selber, wie die Operationen der Mathematik ihrer eigenen Form nach das Moment von Zeit aus sich ausscheiden. So verschwindet denn auch die konkrete Zeit aus der industriellen Produktion. Diese verläuft immer mehr in identischen und stoßweise potentiell gleichförmigen Zyklen und bedarf kaum mehr der aufgespeicherten Erfahrung. Ökonomen und Soziologen, wie Werner Sombart und Max Weber, haben das Prinzip des Traditionalismus den feudalen Gesellschaftsformen zugeordnet und das der Rationalität den bürgerlichen. Das sagt aber nicht weniger, als daß Erinnerung, Zeit, Gedächtnis von der fortschreitenden bürgerlichen Gesellschaft selber als eine Art irrationaler Rest selber liquidiert wird. [...] Wenn die Menschheit sich der Erinnerung entäußert und sich kurzatmig erschöpft in der Anpassung an das je Gegenwärtige, so spiegelt sie darin ein objektives Entwicklungsgesetz.« (Adorno 1960, CD1, Track 3) Die zu diagnostizierende Geschichtsfremdheit, die erst das real Vorgefallene zu einem beliebig Verformbaren macht, ist also nach Adorno kein spezifisch deutsches Phänomen, sondern entspringt den Gesetzmäßigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt. Der Tauschakt selbst, als zentrale Vergesellschaftungsinstanz der kapitalistischen Gesellschaft, schließt Geschichte aus sich aus.Wenn nun aber unter dem Kapital »alles Stehende und Ständische verdampft«, wie es Marx und Engels im kommunistischen Manifest (Marx/ Engels 1848, S. 465) festgehalten haben, dann drängt sich die Frage auf, warum überhaupt eine Umarbeitung der Vergangenheit von Nöten ist. Es liegt nahe, an dieser Stelle das Verhältnis von Geschichtsverlust und Geschichtsfixierung mit den psychodynamischen Kategorien der Verdrängung und der Fixierung zu analogisieren. In der Tat ist ein entscheidendes Moment der Umarbeitung der Vergangenheit für Adorno der kollektive Narzissmus der Deutschen durch die Identifikation mit der Nation, der durch den NS ins »ungemessene« gefördert und der durch die Niederlage »aufs Schwerste geschädigt« worden sei (vgl. Adorno 1959, S.563). Daher gleiche die deutsche Vergangenheit für die Deutschen einer Wunde, einem psychisch Nichtbewältigten. Die Argumentation wechselt damit die Stoßrichtung. Zwar leitet sich die generelle Bereitschaft, sich dem kollektiven Narzissmus hinzugeben aus der prinzipiellen Schädigung des individuellen Narzissmus durch die gesellschaftlichen Verhältnisse ab, doch der Inhalt des kollektiven Narzissmus - der Nationalismus - erscheint Adorno als etwas wesentlich Unzeitgemäßes. Zwar erweise sich der Nationalismus als Ausdruck der Interessengemeinschaft, der jeweiligen Nationalökonomien, als weiterhin aktuell, aber zugleich habe er sich angesichts der wachsenden Bedeutung von internationalen Großblöcken zugleich überlebt (vgl. Adorno 1959, S.565-566). Die Wahnhaftigkeit des Nationalismus entspringe aus diesem Missverhältnis - der Nationalismus glaube sich selber nicht mehr und müsse sich deshalb übertreiben. Gerade diese Wahnhaftigkeit mache aber die Attraktivität des Nationalismus aus, da sie es erlaube, die individuelle Psychopathologie kollektiv sanktioniert auszuleben, ohne an ihr erkranken zu müssen. So treffend diese psychologischen Urteile sind, so sehr kehrt sich Adorno hier gegen das von ihm aufgestellte Diktum, dass die allgemeinen Phänomene aus der gesellschaftlichen Struktur und nicht aus der Psychopathologie zu erklären seien. Bei aller Freundschaft zur Dialektik muss man hier fragen, ob diese Umkehrung sachhaltig ist. Um das Verhältnis von Individuum und Nationalstaat näher zu bestimmen, wende ich mich deshalb erneut der von Adorno als allgemein anerkannten Tauschsituation zu.

In Adornos Reflexion wird von dem allgemeinen Zwang tauschen zu müssen, um sich reproduzieren zu können, abgesehen. Eine arbeitsteilige Gesellschaft vorausgesetzt, gründet dieser Zwang im Prinzip des Eigentums. In der bürgerlichen Gesellschaft wird ein Jegliches mit einem Eigentumstitel versehen - auch die Menschen, die sich als Personen begegnen, definieren sich dadurch, dass sie Eigentümer ihrer selbst sind. Um die gesetzlich kodifizierte und damit nationalstaatlich sanktionierte Eigentumsschranke zu überwinden, bedarf es eines Vertrags. Der Tauschakt ist also im gleichen Maße ökonomische wie rechtliche Handlung. Der Vertrag wird klassisch als wechselseitige Erklärung der Übereinstimmung der Willen der Vertragsschließenden bestimmt. Indem die Vertragsschließenden die Übereinstimmung ihrer Willen im Rahmen des Vertrags erklären, erkennen sie sich wechselseitig als gleich und frei an1.

Während in der Bewegung des Werts Geschichte tendenziell negiert wird, produziert der Vertrag ein anderes Verhältnis zur Zeitlichkeit. Der Vertrag setzt die Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft voraus und behauptet zugleich eine Identität in der Bewegung der Geschichte. Die für identisch erklärten Willen erhalten ihre Identität für die Dauer des Vertrags, damit wird das vertragsschließende Subjekt beständig an eine Vergangenheit, die die Zukunft strukturiert, rückgebunden. Nicht eine dynamische Geschichtlichkeit, in der die Gegenwart von der Vergangenheit durchlebt ist und aus der heraus der Wunsch in die Zukunft führt, entspringt diesem Verhältnis, sondern deren Stilllegung in einem linearen Zeitablauf von Ursache und Wirkung. Neben der Geschichtsvergessenheit produziert also die bürgerliche Gesellschaft zugleich eine Geschichte, die auf die Vergangenheit festgeschrieben ist und aus der die Spontaneität ausgeschlossen ist.

So wie der Tauschakt im Kapitalismus Ausdruck der Selbstverwertung des Werts ist, erweist sich der Vertrag als Moment der Selbstbewegung des Nationalstaats durch die Handlungen des Individuums hindurch. Die vom bürgerlichen Nationalstaat als vorausgesetzt gesetzten Kategorien des Eigentums, der Freiheit und der Gleichheit werden im Vertrag notwendig anerkannt und bestätigt. Sie erscheinen nicht als Produkt der nationalstaatlichen Gesetzgebung, sondern als naturgegebene Eigenschaften der Personen und Dinge - der bürgerliche Nationalstaat erscheint somit nicht als setzende Gewalt, sondern als Garant des Erhalts der Geschäftsbedingungen und damit der eigenen Selbsterhaltung. In Analogie zur marxschen Kategorie des Warenfetischismus ließe sich von einem bürgerlichen Gesetzesfetischismus reden. So wie der Wert der Ware in verkehrter Form erscheint, nämlich als Natureigenschaft der Ware und nicht als Ausdruck eines gesellschaftlichen Verhältnisses, so ist den Bürgern die Rechtsform die naturgegebene Voraussetzung ihres Handelns und nicht Gewordenes. Dieser Fetischismus äußert sich z.B. darin, dass sich das bürgerliche Bewusstsein kaum zu einer moralischen Frage äußern kann, ohne dabei Bezug auf einen Rechtstitel zu nehmen. Sind die Grundkategorien des bürgerlichen Nationalstaates einmal in der Welt, so müssen sie und der Souverän, der sie garantiert, von allen Beteiligten gewollt werden. Der bürgerliche Nationalstaat erhält sich also als abstrakter Wille seiner Bürger, der seine eigenen Voraussetzungen schafft. Die alltägliche Bezugnahme des Bürgers zu seinem Nationalstaat ist der sachliche Grund für die Liebe zum Nationalstaat. Dass der Bürger zur Verwirklichung seines Privatinteresses beständig auf den Nationalstaat Bezug nehmen muss, legt das Missverständnis nahe, dieser sei inhaltlich an seinem Wohl interessiert. Das Allgemeinwohl wird nicht als Erhalt des sich verselbständigten Allgemeinen erkannt, sondern als Wohl aller Einzelnen verkannt. Diese Affirmation der Einheit von Volk und Nationalstaat im Allgemeinwohl ist der entscheidende Schritt zum Nationalismus. Seine konkrete Ausformung bekommt der Nationalismus in der Verklärung des jeweiligen Herrschaftsbereichs des besonderen Nationalstaats. Die Festlegung der Grenzen und damit des Volks, die geschichtlich zumeist recht blutig vor sich ging und allerlei Zufällen unterlag, wird derart verklärt, dass die Einheit des Volkes als mythische Qualität in die Geschichte projiziert wird. Diese erscheint dann nicht mehr als gewaltsam hergestellte, sondern als schon immer gewesene und die Nationalstaatsbildung als Erfüllung des innersten Wesens des Volkes, das somit zu sich selber kommt. Die verschiedenen Nationalismen lassen sich darin unterscheiden, wie die einheitsstiftende Substanz begründet wird: ob nun durch Kultur, Rasse oder auch Verantwortung.

Diese kurze Reflexion weist den Nationalismus als Ideologie2 aus, als notwendig falsches Bewusstsein im Sinne Adornos. Beide Tendenzen, sowohl Geschichtsvergessenheit als auch Vergangenheitsfixierung, sind also von den Verhältnissen objektiv nahe gelegt und nicht primär psychologisch motiviert. Das Phänomen der Geschichtsumarbeitung verweist auf diese beiden Tendenzen als seine Bedingungen, sein Motor ist jedoch der Nationalismus.

Woher stammen nun die offensichtlich neurotischen Züge der Deutschen in Bezug auf ihre nationale Vergangenheit? Adornos psychologische Erläuterungen zur ersten Generation der Nachkriegsdeutschen lassen sich schwerlich unmittelbar auf die zweite und dritte Generation übertragen. Weshalb wirken der NS und vor allem dessen Niederlage als psychische Wunde fort?

Die gesellschaftliche Totalität macht vor dem Unbewussten des Einzelnen nicht halt, vielmehr erhält sie sich durch die Innerlichkeit des Individuums hindurch. Folgt man Freud, so ist mit der Kultur überhaupt der psychische Schaden garantiert. Prinzipiell sind alle bürgerlichen Subjekte neurotisch. Die bürgerlichen Verhältnisse setzen das Individuum nicht nur in allgemeine Konflikte, die das individuelle Unbewusste produzieren, sie nehmen dieses aus dem Allgemeinen ausgeschiedene zugleich wieder in Betrieb. Der Normale ist nicht weniger neurotisch als der erkrankte Neurotiker (vgl. Freud 1916/17, S.475-476). Ersterer gliedert sich nur insofern in den kulturellen Prozess ein, dass er seine inneren Widersprüche im Sinne der Gesellschaft prozessieren lässt, während letzterer insoweit an seinem individuellen Begehren festhält und sich von der Kultur abwendet, als dass er individuell erkrankt. Deshalb erscheint der Neurotiker Freud als asozial (vgl. Freud, Sigmund 1913, S.91-92) und Adorno umgekehrt als der eigentlich Gesunde (vgl. Adorno 1951, S.68-69).

In seinem Artikel »Nationalismus, Fremdenhaß und Antisemitismus« hat der Psychoanalytiker Werner Bohleber an Hand einer Fallvignette detailliert dargelegt, wie der Nationalismus erlaubt individuelle unbewusste Wünsche als erfüllt zu erleben und zugleich die damit verknüpften Ängste abzuwehren:

»Diese Fallvignette zeigt, wie sich die Idealisierung der Nation aus der unbewußten Phantasie einer vorambivalenten narzißtischen Verschmelzung mit der Mutter speist und wie der dabei abgespaltene Haß sich auf Fremde und Ausländer richtet. Beides dient Peter der Abwehr seiner massiven ödipalen Ängste, ausgeschlossen zu werden, die ihre Brisanz durch die Vermischung mit analen Ausstoßungs- und Vernichtungsängsten erhalten. Diese Ängste haben auch den Charakter einer Strafangst wegen seiner eigenen aggressiv-destruktiven Triebregungen, Vater und Bruder auszustoßen.« (Bohleber 1992, S.701)

Leider wird Bohleber die hier beschriebene Psychodynamik zum Grund des Nationalismus3. Die Einheit der Nation ist für ihn dementsprechend ein rein psychisches Phantasma und kein materielles Gewaltverhältnis. Obwohl er das Konzept der »virtuellen Masse«4 von Chasseguet-Smirgel erwähnt (ebd., S.702) und die von ihm erwähnten psychischen Phänomene sich mit massenpsychologischen Symptomen decken, verbleibt er zudem im Individualpsychologischen. Sonja Witte hat jedoch überzeugend dargelegt, dass es sich beim Nationalismus um ein massenpsychologisches Phänomen handelt (vgl. Witte 2007). Der Nationalismus erlaubt es, das individuelle Ich-Ideal durch das Phantasma der Nation5 zu ersetzen und sich derart mit anderen Nationalisten zu identifizieren. Dem deskriptiven Urteil der Identifikation liegt also aus psychoanalytischer Sicht ein der Identifikation entgegengesetzter Vorgang, nämlich die Ersetzung des Ich-Ideals durch das Ideal der Gruppe, zu Grunde. Die Erfüllung des narzisstischen Wunsches der Einheit zwischen Ich und Ich-Ideal in der Massenbildung wird durch die deutsche NS-Vergangenheit in mehrfacher Weise bedroht. Zum einen wird die Shoa als nationale Schande erlebt, was zum Auseinandertreten von Ich-Ideal und Ich führt. Dieses Auseinandertreten wird als qualvolle Scham erfahren. Zum anderen bedroht die Identifizierung einer ganzen Generation von Deutschen als Träger oder zumindest Mitläufer des Nationalsozialismus die Kollektivbildung. Damit würde wieder eine Generationsfolge und somit die ödipale Ordnung als psychisch wirksam etabliert. Es sind aber von der Seite der individuellen Psychodynamik die »Felsen der Realität« von Generation und Geschlecht, welche den Narzissmus bedrohen, und das bürgerliche Individuum sein Heil in der Masse suchen lassen.

Derart wird die NS-Vergangenheit für die Deutschen immer wieder erneut zur narzisstischen Wunde. Doch in welchem Verhältnis steht diese nachträgliche Inbetriebnahme individueller neurotischer Wünsche im Dienste der Nation zu der von PsychoanalytikerInnen konstatierten transgenerationellen Weitergabe der NS-Vergangenheit in Täterfamilien als ‚traumatische Plombe'6? Bohleber hält zu diesem Prozess in seinem Artikel »Transgenerationelles Trauma, Identifizierung und Geschichtsbewusstsein« folgendes fest: »Es handelt sich um eine unbewusste Identifizierung, die aber nicht einer Verdrängungsleistung entstammt, sondern, wie Cournut beschreibt, durch direkte Einfühlung in den unbewußten, verschwiegenen oder totgesagten Inhalt eines elterlichen Objektes entstanden ist. Man kann es als Geheimnis oder als ‚Phantom' bezeichnen, das sich im dynamischen Unbewußten des Kindes eingenistet hat. Eigene Gefühle und eigenes Verhalten entpuppen sich als entlehnt und gehören eigentlich der Geschichte der Eltern an.«(Bohleber 1998, S.263)

Neben der nachträglichen Bewegung der erneuten Traumatisierung durch den deutschen Nationalismus hindurch, wirkt die NS-Vergangenheit also auch vorträglich im Sinne eines linearen Zeitpfeils von der Tätergeneration über die zweite bis zur jetzigen dritten Generation der nicht jüdischen Nachkriegsdeutschen in Form eines nicht überwundenen Einrisses in die psychische Verarbeitung7. Während die erste Bewegung unmittelbar eine politische Stellung zur deutschen Nation darstellt, die sich psychodynamisch fortsetzt, ist die zweite Bewegung Ausdruck einer intergenerationellen Verstrickung, aus der nicht unmittelbar eine politische Haltung erwächst. Vielmehr ist zu vermuten, dass gerade die Unmöglichkeit für das Individuum, die aus der Traumatisierung entspringenden Spaltungen aus sich heraus zu integrieren, eine beliebige politische Rationalisierung erlaubt.

 


Hörbuch

Adorno, Theodor W. (1960): Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Aufarbeitung der Vergangenheit - Reden und Gespräche, München: 1999

 

Literatur 

Adorno, Theodor W. (1951): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, in: Gesammelte Schriften Bd. 4, Frankfurt a. M.: 1997.

 Adorno, Theodor W. (1959): Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?, in: Kulturkritik und Gesellschaft Bd. II, Gesammelte Schriften Bd. 10.2, Frankfurt a. M.: 1997.

Bohleber, Werner (1992): Nationalismus, Fremdenhaß und Antisemitismus. Psychoanalytische Überlegungen., in: Psyche, Jg. 46/ 1992, S.688-707.

Bohleber, Werner (1998): Transgenerationelles Trauma, Identifizierung und Geschichtsbewusstsein, in: Rüsen, Jörn/ Straub, Jürgen (Hg.): Die dunkle Spur der Vergangenheit. Psychoanalytische Zugänge zum Geschichtsbewußtsein, Frankfurt a. M. 1998, S.256-274.

Freud, Sigmund (1913): Totem und Tabu, in: Gesammelte Werke Bd. IX, Frankfurt a. M.: 1999.

Freud, Sigmund (1916/17): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, in: Gesammelte Werke Bd. XI, Frankfurt a. M.: 1999.

Marx, Karl/ Engels, Friedrich (1848): Manifest der Kommunistischen Partei, in: MEW 4, Berlin: 1972, S.459-493.

Witte, Sonja (2007): Das Wunder von Bern - Katharsis der Nation, in: kittkritik (Hg.): Deutschlandwunder - Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur, Mainz 2007 (erscheint im November 2007).

 

ANMERKUNGEN

1) Eine detailliertere Auseinandersetzung des Verhältnisses von Vertrag und Rechtsform findet sich in Lars Meyer 2004: Theorie und Politik des Eigentums in der Wissensgesellschaft, in: Heide, Holger/ Wahsner, Roderich/ Meins, Stephan (Hg.): Beiträge zur sozialökonomischen Handlungsforschung Nr.6, Bremen 2004, S. 77 ff.

2) Vgl. zum Begriff der Ideologie Kuhne 1998: Marx‘ Ideologiebegriff im Kapital, in: Bensch, Hans-Georg/ Kuhne, Frank u.a. (Hg.): Das Automatische Subjekt bei Marx. Studien zum Kapital, Lüneburg 1998, S.9-24.

3) Aus der Psychodynamik allein lässt sich jedoch nicht erklären, warum Peter seine psychischen Konflikte nicht innerhalb einer subkulturellen Gruppe ausagiert, die ihm vermittelt durch ein striktes Ideal erlaubt klar zwischen Feind und Freund zu unterscheiden.

4) Die virtuelle Masse bildet sich vermittelt durch eine Idee.

5) Hier verstanden als psychische Repräsentanz der Nation.

6) Die Feststellung, dass der Krieg, die Niederlage und selbst noch die Beteiligung an der Shoa auch die Täter traumatisiert hat, führt nicht zwangsläufig zu der Gleichsetzung von Tätern und Opfern, wie sie zurzeit im allgemeinen Diskurs zu beobachten ist. Die Traumata von Opfern und Tätern des NS sind nicht vergleichbar. Der Begriff des Traumas fasst den nicht verarbeitbaren Einbruch des Realen ins Psychische. Sowohl vom Inhalt als auch von der Konsequenz sind die Traumata von Tätern und Opfern wesentlich verschiedenen - gleiches gilt für ihre Nachkommen.

7) Vgl. hierzu den Beitrag „Nationales Vergangenheitsrecycling" in kittkritik (Hg.) 2007: Deutschlandwunder - Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur".


Dieser Text ist ein Auszug aus dem Text »Auftrag im Auge des Sturms' - Erfahrungen mit und Reflexionen über das II. Weltkrieg-Strategiespiel Silent Storm«, der im November 2007 in dem Sammelband »Deutschlandwunder - Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur« (kittkritik, Hg.) im Ventil-Verlag erscheint. Für das nächste Frühjahr ist in Bremen ein Kongress zu dem Buch von der Gruppe kittkritik in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Bremen geplant.



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