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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen

Christine Kirchhoff

Es wird so gewesen sein...

Zur Nachträglichkeit kollektiver Erinnerungsprozesse:
Erinnerungsarbeit als Entübersetzung

 

»Daß man bei der Entstehung der Traditionen und der Sagengeschichte eines Volkes einem solchen Motiv, das dem Nationalgefühl Peinliche aus der Erinnerung auszumerzen, Rechnung tragen muß,« (Freud 1901: S. 164) müsse allgemein zugestanden werden, so Freud in der »Psychopathologie des Alltagslebens«. Dort erwägt er die Möglichkeit einer »vollständigen Analogie (...) zwischen der Art wie Völkertraditionen und wie die Kindheitserinnerungen des einzelnen Individuums gebildet werden.« (ebd.) Bei Kindheitserinnerungen handle es sich häufig um »Erinnerungsfälschungen«, welche tendenziös seien, da sie den »Zwecken der Verdrängung und Ersetzung von anstößigen oder unliebsamen Eindrücken dienen.« (Freud 1899: S. 535)

Erinnerungen scheinen demnach etwas zu sein, dem nicht unbedingt zu trauen ist. Ist es aber zutreffend, wie Freud von Erinnerungsfälschungen zu sprechen, da doch eine Fälschung ein Original voraussetzt? Oder haben wir es, wenn wir uns erinnern, immer mit Umzuarbeitendem und Umgearbeitetem zu tun, mit einer Fälschung, deren Original nie zugänglich sein wird? »Vielleicht ist es überhaupt zweifelhaft, ob wir bewußte Erinnerungen aus der Kindheit haben, oder nicht vielmehr bloß an die Kindheit,« (ebd., Hervorh. i. Orig.) fragte sich schon Freud. Wie kommt also eine Erinnerung zustande? Heißt es vielleicht auch deswegen Erinnerungsarbeit, weil Erinnern immer Arbeit bedeutet? Umarbeiten, ein Arbeiten gegen den Widerstand, gegen das Unangenehme oder gar Unfassbare, weil Erinnerungen häufig alles andere als golden sind - es aber sein sollen?

Sowohl in der individuellen als auch in der kollektiven Geschichte gibt es Brüche und Diskontinuitäten bei gleichzeitigem Vorherrschen eines großen Bedürfnisses, diese zu kitten, zu überdecken, die eigene und auch die geteilte Geschichte als kontinuierlich, linear und in Deckung mit dem eigenen Lebensentwurf, dem eigenen Selbstverständnis, kurz gesagt als sinnvoll zu erleben. Auch wenn sie das nicht ist und nicht war - sie wird es aber gewesen sein.

Es wird so gewesen sein - das Erinnern im Futur II geht zurück auf eine Konzeption, die mehr als hundert Jahre alt ist und dennoch höchst aktuell, auf das psychoanalytische Konzept der Nachträglichkeit. Schon früh stößt Freud (1895a; 1895b) bei der Arbeit mit seinen Patientinnen auf die Nachträglichkeit. Er findet sie aus Unverständnis, da seine Patientinnen anlässlich für ihn harmloser Situationen unangemessene, ja unverständliche Symptome entwickeln. Freud, der sich gerade anschickt, zu entdecken, dass und wie Symptome sprechen, sieht sich nicht in der Lage, in diesen Symptomatiken etwas Bedeutungsvolles zu entdecken, sie zu dechiffrieren. In seinen frühen Schriften und in den Briefen an Fließ (vgl. Freud 1950) lässt sich nachvollziehen, wie Freud sich mit diesem Problem beschäftigt. Die Lösung findet er darin, dass »kein hysterisches Symptom aus einem realen Erlebnis allein hervorgehen kann, sondern daß alle Male die assoziativ geweckte Erinnerung an frühere Erlebnisse zur Verursachung des Symptoms mitwirkt.« (Freud 1896a, S. 432, im Orig. gesperrt gesetzt)

Erst anlässlich einer neuen - oft auf den ersten Blick ausgesprochen harmlosen - Erfahrung zeigt sich die traumatische Wirkung eines nicht oder kaum erinnerten Eindrucks, der zunächst scheinbar ohne Folgen geblieben war. So auch bei Katharina, einer jungen Frau, über die Freud in den »Studien über Hysterie« (Freud 1895b) schreibt. Katharina leidet unter Atemnot. Auf Nachfragen Freuds ergibt sich Folgendes: Die Atemnot, dechiffriert als Angstanfall, habe sie zum ersten Mal gehabt, nachdem sie ihren Vater mit ihrer Cousine zusammen beim Koitus gesehen habe. Nach diesem Erlebnis habe sie Tage lang gebrochen, wisse aber nicht, wovor sie sich geekelt habe (ebd. S. 187f). Auf den ersten Blick bleibt unverständlich, warum Katharina auf dieses Erlebnis dermaßen verstört reagiert.

Im Laufe des Gesprächs führt diese Szene zurück auf ein früheres Erlebnis, welches Katharina mit 14 Jahren gehabt habe. Damals habe ihr Vater versucht, nachts zu ihr ins Bett zu kommen, sie habe den Angriff aber nicht als sexuellen erkannt (ebd. S. 190). Freud rekonstruiert den Zusammenhang nun folgendermaßen: Katharina habe damals »zwei Reihen von Erlebnissen mit sich (getragen), die sie erinnerte, aber nicht verstand, zu keinem Schlusse verwertete; beim Anblick des koitierenden Paares stellte sie sofort die Verbindung des neuen Eindrucks mit diesen beiden Reihen von Reminiszenzen her, begann zu verstehen und gleichzeitig abzuwehren.« (ebd. S. 191). Angesichts des neuen Eindrucks droht Katharina bewusst zu werden, was der Vater wohl damals mit ihr im Sinn hatte, daher erleidet sie eine Panikattacke. Das, was damals ein Rätsel für sie blieb, das Begehren des Vaters, drohte sich nun zu enträtseln. Dieses drohende Verständnis war nun aber so unerträglich, dass sie, wie Freud schreibt, gleichzeitig abzuwehren begann: Sie verdrängte, was sich gerade im Zusammenschießen beider Szenen konstituierte, und entwickelte die geschilderte Symptomatik. Gemeinsam mit Freud gelang es ihr, diesen Zusammenhang zu rekonstruieren, was ihr erst die Möglichkeit bot, das Erlebnis in dieser Form bewusst zu erinnern. Damals war es für sie kein sexueller Übergriff, wird es aber nun in ihrer Erinnerung, als Erinnerung immer gewesen sein.

Freud zufolge sind es die Veränderungen der Pubertät, welche ein neues Verständnis des früher Erlebten ermöglichen. Die hysterischen Symptome seien »Abkömmlinge unbewußt wirkender Erinnerungen« (Freud 1896a S. 448), so dass die infantilen Sexualerlebnisse nicht unmittelbar wirkten, sondern erst später pathogen würden, »wenn sie im Alter nach der Pubertät als unbewußte Erinnerungen geweckt werden« (ebd. S. 449). Die Szene entfalte so »posthum ihre abnorme Wirkung«. (ebd. S. 450). In anderen Worten: »Die Kindertraumen wirken nachträglich wie frische Erlebnisse, dann aber unbewußt.« (Freud 1986 b, S. 384, Hervorh. i. Orig.)

Die körperlichen Veränderungen, das nach der Latenz neu und in veränderter Form erwachende Begehren und auch der gewachsene Einblick in das, was Sexualität bedeutet, geben dem Früheren eine neue - zu verdrängende - Bedeutung. Schon hier demontiert Freud die Vorstellungen, dass Erinnerungen an die Kindheit etwas dem Prozess des Erinnerns Vorgängiges seien.

Laplanche und Pontalis haben in diesem Zusammenhang eine Formulierung des frühen Freud aufgegriffen und das bis hierher geschilderte verallgemeinert. Die frühe Szene bezeichnen sie als »präsexuell sexuell« (Laplanche/Pontalis 1986, S. 20). Dieses frühe Ereignis sei »an sich sexuell«, nehme aber deswegen »für das Subjekt keine sexuelle Bedeutung an« (ebd., Hervorh. Ch.K.). In der Formulierung »präsexuell sexuell« mit ihrer sich ausschließenden Doppelung ist der Widerspruch, um den es hier geht, gefasst: Die Szene ist sexuell und sie ist es zugleich nicht. Sie ist sexuell, weil es entsprechende »leise sexuelle Regungen« (Freud 1896a: S. 437f) - das, was Freud mit Nachdruck als infantile Sexualität einführt - von Seiten des Kindes gibt; sie ist sexuell, weil sie es für die Erwachsenen ist, weil sie für diese eine sexuelle Bedeutung hat - bewusst und unbewusst. Sie ist nicht sexuell, weil sie das Kind noch nicht in Form der erwachsenen Sexualität verstehen kann. Sie ist in diesem Sinne nicht sexuell für das Kind, wird es aber immer gewesen sein.

Freud hat die über die Ätiologie von Hysterie und Neurosen hinaus weisende Tragweite des Konzepts der Nachträglichkeit nicht gesehen, auch wenn er immer wieder, so auch in der berühmten Fallgeschichte des Wolfsmannes (Freud 1918) auf diese Konzeption zurückgreift. Laplanche stellt dazu treffend fest, dass »freilich die Begrifflichkeit der Nachträglichkeit bei Freud nicht immer die Tiefe hat, die wir selbst...nachträglich dort finden.« (Laplanche 2003: S. 115)

Die Psychoanalyse vergesse seit Freud, so Laplanche, »der schlichten Tatsache Rechnung zu tragen, dass die Verdrängung und das Unbewusste beim Anderen da sind, bevor sie es beim Kind sind.« (Laplanche 2003: S. 165). Konfrontiert mit diesen rätselhaften Botschaften, übersetze das Kind vorzugsweise mit der »Sprache«, über die es verfüge (ebd.). In seiner »Allgemeinen Verführungstheorie« bezeichnet Verführung nicht einen sexuellen Übergriff, wie im geschilderten Fall, sondern eine »anthropologische Grundsituation«, in der das Kind, hineinwachsend in einen Überschuss an (unbewusster) Bedeutung von Anfang an ständig mit einem »Mehr« konfrontiert ist, das es umzuarbeiten habe. Diese Konfrontation mit etwas zu Übersetzendem, mit einem Rätsel, das die Erwachsenen dem Kind aufgeben und dessen Lösung sie selber nicht wissen, bezeichnet er als »universale und ursprüngliche Situation, (...) Grundlage der zwischenmenschlichen Beziehung« (Laplanche 1996: S. 82f). Es handelt sich um eine Beziehung von Aktivität und Passivität, wobei das Aktive das ist, »was mehr an Wissen, mehr an Erfahrung etc. enthält als das Passive« (ebd. S. 83). Dieses »Mehr« sei ein »Mehr an unbewusstem Wissen auf Seiten des Verführers« in der »Gegenüberstellung von zwei ungleich entwickelten Individuen: eines voll- und umfassend entwickelten Erwachsenen, mit seinem Wissen und seinen teilweise unbewußten sexuellen Besonderheiten, und eines in dem Sinne hilflosen Kindes, dass nur dürftige Mittel besitzt, um Botschaften und Erregungen, die ihm unterbreitet werden, zu übersetzen.«(ebd.).

Es ist demnach eine Grundbedingung menschlichen Heranwachsens, die unverständlichen oder gar rätselhaften Botschaften der Erwachsenen zu übersetzen, ihnen einen Sinn zu geben. Dies bleibt notwendigerweise unvollständig, wenn es sich um den Erwachsenen selbst unverständliche Botschaften handelt.

Wir leben in der Zeit des „es wird gewesen sein", in der Vergangenheit und Gegenwart sich gegenseitig bestimmen. Dem Alltagsbewusstsein scheint es jedoch so, als würden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft linear verlaufen. Spezifikum des Menschen als eines »sich selbst-übersetzenden, sich selbst theoretisierenden Wesens« (Laplanche 1988: S. 228) ist es, der eigenen Geschichte Sinn und Bedeutung zu verleihen. Es ist dies ein ständiger Prozess des Übersetzens, der Laplanche zufolge automatisch verlaufe. Entscheidend sind für ihn die Momente der »Entübersetzung/Wiederübersetzung« (Laplanche 1996: S. 79), eine authentische »Übersetzung einer Übersetzung« gebe es nicht. Jede rückschreitende Bewegung sei nur möglich aufgrund eines »Abtragens, eines vorhergehenden Abscheuerns der aktuellen Übersetzung« (ebd.). Konsequenterweise ist für ihn damit auch die Deutung eine Entübersetzung, die dazu diene, einer umfassenderen Übersetzung freien Raum zu lassen (ebd. S. 61). Aufgabe des Analytikers sei nicht die Synthese, im Gegenteil, da das Individuum nur allzu leicht der Neigung erliege »eine Einheit wiederherzustellen, wiederzuübersetzen, sich in jedem Augenblick neu eine synthetische Anschauung über sich selbst und seine Zukunft zu machen.« (Laplanche 1996: S. 78)

Eine Aufgabe - vielleicht ist es die Aufgabe - des Erwachsenwerdens besteht im Übersetzen, Entübersetzen, Wieder-Übersetzen, was auch bedeutet, dass Erinnerungen sich als Erinnerungen neu konstituieren, sofern eine neue Übersetzung gefunden worden ist: ob im Dienste eines erweiterten Verständnisses oder erneuter Verdrängung. Erinnerungen sind dabei immer doppelt bestimmt: das Vergangene schafft die Voraussetzungen für das Zukünftige, das dann wiederum Auswirkungen auf das Vergangene hat. Entscheidend ist, dass im nachträglichen Zur-Sprache-Kommen auch die Chance für Aufklärung, für weniger verdrängende Übersetzungen liegt, um die vergangenen Übersetzungen nicht immer wieder reproduzieren zu müssen. Wie lässt sich nun eine Brücke schlagen von der »anthropologischen Grundsituation« zum kollektiven Erinnern?

Zunächst ergeben sich hier altbekannte Schwierigkeiten, welche der Versuch mit sich bringt, mit Hilfe von Konzepten, die individuelle psychische Dynamiken beschreiben, kollektive Prozesse besser zu verstehen. Nicht nur, weil sich hier ein Problem ergibt, dessen Diskussion eine lange Tradition darstellt, nämlich die Frage danach, wer denn das Subjekt kollektiver Prozesse sei und ob es, und wenn ja, inwiefern es zulässig sei, von einem »kollektiven Unbewussten« (Erdheim) zu sprechen. Schwierigkeiten ergeben sich auch in diesem speziellen Fall, weil das Konzept der Nachträglichkeit einen Prozess zu begreifen hilft, in dem es um Subjektwerdung geht, also um die Konstitution dessen, was als Erwachsener dann Erinnerungen haben kann. »Geschichte und Lebensgeschichte sind so einfach eben nicht zur Deckung zu bringen« (Busch 2001: S. 185), schreibt Busch und verweist darauf, dass Gesellschaften weder eine Geburt haben, noch sterben, so wie dies Individuen tun. Im Gegensatz zur Gesellschaft durchlaufe jedes Individuum eine »infantile Phase«, in der »ein anderes Individuum, das erwachsen ist, in einem nichtreziproken Sinn der eher aktiv-herstellende, nicht der zu bildende Teil der Interaktionsbeziehung« (ebd. S. 186) sei. Es ist diese grundsätzliche Asymmetrie, die ich oben in Rekurs auf Laplanche geschildert habe, welche das Heranwachsen des Kindes auszeichnet und welche die individuelle Geschichte grundsätzlich von dem unterscheidet, was Gegenstand der Geschichtsschreibung und der kollektiven Erinnerung ist.

»Die Psychologie der Masse kann nur die Psychologie des Einzelnen (in der Masse) sein.« (ebd. S. 163f). Auch Horkheimer findet deutliche Worte gegen die Annahme eines überindividuellen Subjekts der Geschichte: »Es gibt weder eine Massenseele, noch ein Massenbewusstsein.« (Horkheimer 1932: S. 168). Es sind also Einzelne, die sich an etwas erinnern, was nicht nur sie betrifft. Dass eine Erinnerung eine kollektive genannt zu werden verdient, lässt sich, so denke ich, von zwei Seiten her begründen, die sich bedingen. Es betrifft Erinnerungen an kollektiv Geteiltes und eine kollektive Form, sich der Vergangenheit zu erinnern. Nicht nur das gemeinsam Erlebte oder das, worauf sich gemeinsam bezogen wird, auch wenn es gar nicht alle betroffen hat, ist entscheidend, sondern auch die Form, die als gültig akzeptiert und geteilt wird. Kollektive Erinnerung an ein Ereignis kann unterschiedliche Formen annehmen, verschiedene Entwürfe konkurrieren um Geltung. Entscheidend dafür, wie erinnert wird, sind verschiedene, sich gegenseitig beeinflussende Faktoren, die ineinander greifen: psychische Bedürfnisse und Möglichkeiten sowie politische Interessen, die sich nicht allein aus ersteren speisen.

Der Prozess der Entübersetzung und Übersetzung, die Form in der Menschen sich erinnern und sich als Subjekte entwerfen, ihr Leben mit Bedeutung versehen, lässt sich auch in der Geschichtsschreibung, in der Art und Weise, wie sich kollektive Erinnerung organisiert, finden.

Die Geschichte betreffend greift Kettner (1998; 1999) auf das Potential der »dynamischen Erinnerungs- und Gedächtnistheorie« (Kettner 1999: S. 309) von Freuds Konzept der Nachträglichkeit zurück. Sich erinnern, um der Vergangenheit gerecht werden zu wollen, sei, so Kettner, nur eine Funktion der Erinnerungsfähigkeit. Gehe es um die soziale Funktion der Tradierung kollektiver Erfahrung, sei psychoanalytisches Verstehen gefragt (ebd. S. 320f). Die Nachträglichkeit rühre »an den Nerv  unserer alltagspraktischen Gewißheit, daß das Vergangene eine absolut unveränderliche Wirklichkeit« (ebd. S. 312) sei. Auch Kettner spricht von Erinnerung in Gruppen und nicht von Erinnerung von Gruppen (ebd. S. 326).

Der Umgang mit der deutschen Vergangenheit, ist ein beredtes Beispiel für die Nachträglichkeit einer Geschichtserzählung, allerdings einer verleugnenden und zum Teil sicherlich bewussten, auch wenn sie sich aus unbewussten Dynamiken speisen mag. Seit 1989 wird das laute Schweigen der Nachkriegszeit zunehmend von lärmender Geschwätzigkeit abgelöst. Hervorstechend ist die Umkehrung der realen Verhältnisse. Die für die meisten Deutschen unannehmbare Übersetzung »ein Volk von Tätern« soll abgelöst werden: »ein Volk von Opfern« soll es nun heißen (zur Abwehrdimension der Opfernarrative vgl. Kirchhoff 2003).

Peinliches werde vermieden in der Geschichtsschreibung der Völker, schrieb Freud. Wie ist es dann erst mit dem unsagbar Peinlichen, sei es der eigenen Beteiligung an Massenmord und Krieg oder der Beteiligung von Eltern und Großeltern?

Meine These ist, dass die der Entschuldung dienenden Opfer-Narrative vom »Bombenterror der Alliierten« (Friedrichs), der Moralkeulen schwingenden »Meinungssoldaten« (Walser), den Versuch darstellen, deutsche Geschichte als sinnvolles, konsistentes Narrativ zu entwerfen, das den Zivilisationsbruch Nationalsozialismus nicht als Bruch erscheinen lässt.

Jörg Friedrich schrieb 2002 einen solchen Opfermythos mit dem wirkungsvollen Titel „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg" und behauptete von sich selbst, eine Lücke in der Forschung geschlossen zu haben. Dies verlautbart zumindest der Klappentext, bei welchem schon die Wortwahl aufstoßen lässt: »Der Berliner Historiker Jörg Friedrich legt nun das fehlende Werk über diese von Briten und Amerikanern systematisch geplante und durchgeführte Vernichtungskampagne gegen Deutschlands Städte vor.« (Friedrich 2002: Klappentext) »Systematisch geplant« im Zusammenhang mit »Vernichtung«, schon hier wird ein Vokabular benutzt, das für den Holocaust steht. Auch Äußerungen, wie z.B. die der der NPD im sächsischen Landtag, wo offen vom »Bombenholocaust« gesprochen wurde, sprechen für den Versuch, aus Tätern Opfer zu machen.

Dem Anspruch Friedrichs, etwas weitgehend Unerforschtes zu präsentieren, widerspricht der Historiker Blank in seiner Rezension des Buches: es gebe schon Publikationen zum Thema, die Friedrich z.T. ignoriert habe. (http://www.sehepunkte.historica.net/2002/12/3549071655.html: 08.02.05).

Nicht der wissenschaftliche Stellenwert des Werkes soll nun im Focus der Aufmerksamkeit stehen, sondern die Frage, was ein Buch anspricht, das wissenschaftlich fragwürdig zu sein scheint, und das schon durch seine ermüdende Redundanz und Detailverliebtheit schnell den Verdacht einer Rationalisierung aufkommen lässt, vor allem vor dem Hintergrund der Behauptung, es ginge dort um Informationen. Wie Walsers Friedenspreisrede, die nur insofern ein Tabubruch war, weil er aussprach, was rundherum alle dachten (bekanntlich erhob sich bis auf das Ehepaar Bubis das gesamte Paulskirchenpublikum zum Applaudieren), wird auch Friedrichs Buch überwiegend als überfälliger Tabubruch rezipiert - ob nun im ZDF (http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/29/0,1872,2026013,00.html vom 8. Februar 2005) oder von der NPD (www.npd.de/npd_info/deutschland/2005/d0105-20.html vom 8. Februar 2005). Friedrichs Buch würde eine ausführliche Interpretation lohnen, im Folgenden werden nur kursorisch einige Merkwürdigkeiten angeführt, die die Verkehrung von Tätern und Opfern buchstäblich zur Sprache bringen.

Denn es ist vor allem die Sprache, die ausspricht, was im Klartext dann viele doch nicht sagen möchten und wogegen sich in vielen Rezensionen so auffällig gewehrt wird: Es geht um die Gleichsetzung der Opfer oder besser die Etablierung der Deutschen als eigentliche Opfer. Werden die Deutschen schon länger immer wieder  als Opfer Hitlers und der Nazis dargestellt, werden sie nun zudem zu Opfern der Alliierten, der eigentlichen Verbrecher, die überdies, so wird zumindest angedeutet, im Auftrag der Juden handelten. Friedrich benutzt in seiner bis zur Unerträglichkeit schwülstigen, redundanten und an Leichenteilen nicht sparsamen Darstellung der Folgen des Bombardements deutscher Städte Begriffe, die, so Blank, in der »Historikersprache aus guten Gründen bisher für den Vernichtungskrieg gegen Juden und Slawen im Osten reserviert war.« (Ralf Blank 2002 in: http://www.sehepunkte.historica.net/2002/12/3549071655.html vom 8. Februar 2005).

Luftschutzkeller werden als »Krematorium« (Friedrich 2002: S. 110, S. 388) bezeichnet, die Bombardierung als »Massenvernichtung« (ebd. S. 362), Schutzräume als »Hinrichtungsstätten« (ebd. S. 361). Ein Ungeheuer mythologischen Ausmaßes war es, dem die tapferen Deutschen trotzten: Bomber Command. Zwei aus der Menge willkürlich herausgesuchte Zitate mögen dies illustrieren: »Bomber Command studierte sein Metier auf dem Zug von Stadt zu Stadt. Auf dem Weg von Lübeck nach Hamburg erwarb es ein Können, den Vernichtungsprozess in Gang zu setzen, soweit er vorauszuberechnen war.« (ebd. S. 85) »Im Juni überfliegt Bomber Command regelmäßig den Westen, wirft geringfügig und planlos ab, erzielt kaum Schäden, kreist aber Nacht für Nacht ausgiebiger über den Städten.« (ebd. S. 469) Gemeint ist wohl die britische Luftwaffe, eingeführt wird dieses Monster, das wie  Gott keinen bestimmten Artikel benötigt, nicht. Es sind kleine pfiffige Davids, die gegen den übermächtigen Goliath kämpfen: »(...), den Sand füllt die weniger robuste Luftschützerin in Tüten. Zwei, drei davon richtig geworfen, vereiteln schon Churchills halbe Anstrengung.« (ebd. S. 411). Die Haus- bzw. Volksgemeinschaft gegen Bomber Command und die »weniger robuste Luftschützerin« gegen Churchill, da ist klar, auf welcher Seite man zu stehen hat, was zur Identifikation einlädt. Angesichts dieser distanzlosen Restituierung der Volksgemeinschaft erstaunt folgende Passage nicht mehr wirklich: »Gauleiter Hildebrandt schwor Rache an den Juden und begann ihnen die Radikalisierung des Luftkrieges anzulasten. Sie würden alsbald ‚ganze Flächen vergasen', man müsse mit allen Möglichkeiten rechnen. 'Es ist ein jüdischer Krieg, Churchill und Roosevelt sind nur noch Marionetten, sie werden selbst erschossen, wenn sie die jüdische Weltaufgabe nicht erfüllen wollen'.« (ebd. S. 184, Hervorh. i. Orig.). Und direkt anschließend, ohne diese Passage zu kommentieren, schreibt Friedrichs: »Wenn die NSDAP kein Mittel hatte, die Städtevernichtung abzuwehren, hatte sie dennoch, eines jemanden dafür büßen zu lassen.« (ebd.). Die europäischen Juden wurden also wegen des Luftkriegs der Alliierten ermordet? Dies ist antisemitischer Wahn pur, ein Kommentar erübrigt sich.

Vor diesem Hintergrund stimmt es bedenklich, dass gerade die Sprache Friedrichs gelobt wird - sie scheint aus dem Herzen zu sprechen. So zeigt sich Horst Boog in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beeindruckt von Friedrichs »Formulierungskunst« auch wenn das Werk nur »bedingt wissenschaftlich verlässlich sei« (FAZ vom 30.11.2002). Auch sein Kollege Andreas Kilb ist beeindruckt: „In dem die Sprache birst, wird sie anschaulich.« (FAZ vom 10.12.2002). Auch Martin Walser lobt die besondere »Erzählkompetenz« des Historikers: »Durch diese Sprache ist das gegenseitige Vernichtungswüten für unsere Teilnahme zugänglich.« (Die Welt vom 10.12.2002). Und hier ist dann die Gleichsetzung ausgesprochen, die eigentlich eine Verkehrung meint: gegenseitiges Vernichtungswüten sei es, das Teilnahme erfordere - und das angesichts eines Buches, welches das Vernichtungswüten der Deutschen nur am Rande erwähnt und durch Auswahl der Worte, die für das Leiden der Opfer der Deutschen stehen, aus den Deutschen die eigentlichen Opfer macht.

Friedrich selbst rationalisiert seine Wortwahl und versucht, auf Kritik angesprochen, die Wirkung herunterzuspielen: »In einem Haus, das nach einer Bombardierung wie eine Fackel lodert, stecken die Einwohner überwiegend im Keller des Hauses. Da entwickeln sich Temperaturen bis zu 800 Grad. Die menschlichen Überreste, die nach Abkühlung der Gemäuer herausgeholt werden, sind Aschenhäufchen. Ihnen widerfährt das, was einer üblichen Leiche in einem Krematorium jedes x-beliebigen deutschen Friedhofs widerfährt. Man mag aus Geschmacksgründen das nicht als Krematorium bezeichnen, sondern als eine Menschenverbrennungsanlage. Wenn Wehler (im Deutschlandradio, Ch.K.) aber meint, das Anstößige an dieser ganzen Angelegenheit sei nicht die Massenverbrennung, sondern die Wahl eines Wortes, dann kann ich dem nicht folgen. Das Erschütternde wird nicht durch Worte vermittelt, sondern durch die Ereignisse.« (http://www.wdr.de/themen/panorama/personen/ queen_elizabeth/interview _friedrich_joerg.jhtml vom 8. Februar 2005).

Und genau das stimmt nicht. Erschütternd waren die Bombenangriffe für alle, die sie erlebt haben sicherlich. Und genau so sicherlich wäre es gut, über diese Erlebnisse zu sprechen, sie aufzuarbeiten, schon allein, um das Erlittene nicht stumm an die nächsten Generationen weiterzugeben. Entscheidend ist aber, und das hoffe ich gezeigt zu haben, in welcher Form sich erinnert wird, ob es möglich ist, das Unangenehme und schwer auszuhaltende als solches, als Bruch und als etwas, das sich nicht sinnvoll integrieren lässt zu erinnern oder ob weiterhin über die Beteiligung am massenmörderischen Projekt Nationalsozialismus geschwiegen und gelogen wird. Solange dies weiterhin geschieht, bleibt die Gefahr, dass die psychische Not, die auch aus der Art und Weise spricht, wie Friedrich über hunderte von Seiten seine Leser quält, sich immer wieder in Form eines Narratives artikuliert, das die Deutschen zu den eigentlichen Opfern macht. Diese Erzählungen bieten eine Möglichkeit, sich  der unangenehmen Vergangenheit zu entledigen. Im Land der Täter, Mitläufer und Wegschauer hat fast jeder ein Familienmitglied mit einer mehr oder weniger eindeutigen Vergangenheit - wie viel einfacher ist es da, sich mit diesen als Opfer zu identifizieren, als es auszuhalten und sich damit auseinanderzusetzen, dass auch Opa vielleicht beides war: ein netter Opa und ein Nazi.

Auch wenn die Singularität des Holocaust nur einem Vergleich entstammen kann, ist eben auch das Ergebnis festzuhalten, dass es sich um etwas Einmaliges handelt. Die Fähigkeit in Deutschland, das eigene Leiden zu thematisieren und durchzuarbeiten, ohne sich zum eigentlichen Opfer zu machen und dabei sich zugleich der Schuld und der Verantwortung entledigen zu wollen, scheint mir, in Anbetracht eines solchen Buches und seines anhaltenden Erfolges, erschreckend wenig ausgeprägt.

Für das stillschweigende Uminterpretieren von Nationalsozialismus und zweitem Weltkrieg lassen sich derzeit so viele Beispiele finden, dass man schon aufmerksam sein muss, um sich noch zu wundern, so gewöhnlich ist der entsprechende Sprachgebrauch schon geworden. Eines aus der jüngeren Vergangenheit sei hier erwähnt: Der Spiegel betitelt seine Serie zum Kriegsende mit den Worten »Als der Krieg nach Deutschland kam« (Spiegel 5/2005). Wohin der Krieg vorher überall »kam«, wird unterschlagen. Das Titelbild zeigt dann auch einen Deutschen, der mit vorgehaltenem Gewehr und erhobenen Händen von einem offensichtlich feindlichen Soldaten vor sich her getrieben wird. Sind die Deutschen überfallen worden? War da nicht etwas mit einem Angriffskrieg? Die Liste der Beispiele lässt sich fortsetzen, alle erzählen die Geschichte der Deutschen als eine Geschichte der Opfer.

 


Literatur
 

Busch, Hans-Joachim 2001: Subjektivität in der spätmodernen Gesellschaft. Weilerswist: Velbrück.

Freud, Sigmund 1895 a: Entwurf einer Psychologie. In: Gesammelte Werke Nachtragsband. Frankfurt am Main: Fischer.

Freud, Sigmund 1895 b: Studien über Hysterie. GW I.

Freud, Sigmund 1896a: Zur Ätiologie der Hysterie. GW I.

Freud, Sigmund 1896b: Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen. GW I.

Freud, Sigmund 1899: Über Deckerinnerungen. GW I.

Freud, Sigmund 1901: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. In: GW IV.

Freud, Sigmund 1918: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. GW XII.

Freud, Sigmund 1950: Aus den Anfängen der Psychoanalyse, Briefe an Wilhelm Fließ, Abhandlungen und Notizen aus den Jahren 1887-1902. In: Bonaparte, Marie; Freud, Anna; Kris, Ernst (Hg.) 1950. London: Imago Publishers.

Horkheimer, Max: Geschichte und Psychologie. In: Zeitschrift für Sozialforschung, 1, 1932, 125-144.

Kettner, Matthias 1999: Das Konzept der Nachträglichkeit in Freuds Erinnerungstheorie. In: Psyche-Z Psychoanal, 53, 309-342.

Kettner, Matthias 1998: Nachträglichkeit. Freuds brisante Erinnerungstheorie. In: Rüsen, Jörn und Straub, Jürgen: Die dunkle Spur der Vergangenheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Kirchhoff, Christine 2003: Vom Wiederaufbau zum neuen deutschen Selbstbewusstsein. In: initiative not a love song (Hg.): Subjekt (in) der Berliner Republik. Berlin: Verbrecher-Verlag. 59 - 71.

Laplanche, Jean und Pontalis J.-B. 1972: Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Laplanche, Jean und Pontalis, J.-B. 1992: Urphantasie. Frankfurt am Main: Fischer.

Laplanche, Jean 1988: Die allgemeine Verführungstheorie. Tübingen: Edition Diskord.

Laplanche, Jean 2003 (1996): Die unvollendete kopernikanische Revolution in der Psychoanalyse. Gießen: Psychosozial-Verlag.

 

Quellen aus Tageszeitungen und Internet sind komplett im Text angegeben.



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