Aktuell: 

Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen

Juliane Hummitzsch

Wenn es am Verstehen mangelt

Ein Beitrag gegen die neurowissenschaftliche Entseelung des Subjekts


Man stelle sich vor, das Gehirn bestimme über alle Vorgänge in unserer Seele. Allein durch pharmakologische oder elektro-physikalische Einwirkung auf einzelne Neuronen(ansammlungen) können alle emotionalen, kognitiven und senso-motorischen Aspekte menschlichen Verhaltens reguliert werden. Das führt dazu, dass der Mensch umfassend kontrolliert werden kann, jegliche Handlung vorhersagbar und er/sie zur funktionalen Einheit wird.

Solch eine Szenerie entwirft der Film „Equilibrium" von Kurt Wimmer aus dem Jahr 2002. Der Schauplatz der fiktionalen Geschichte ist die Stadt Libria, in der Gefühle als Auslöser für Gewalttätigkeit und damit als Gefährdung für das reibungslose Funktionieren der Gesellschaft angesehen werden. Daher ist jede(r) BürgerIn gesetzlich verpflichtet, das Medikament „Prozium II" zu nehmen, das jegliche affektive Regung auf ein Minimum reduziert.

Glücklicherweise sind wir gegenwärtig noch einige Schritte von den Zuständen in Libria entfernt. Doch der Weg dahin - der menschlichen Seele durch neurobiologische, chemische oder genetische Prozessregulation den Garaus machen zu wollen - wird beschritten. Inwiefern es erkenntnistheoretisch als auch moralisch problematisch ist, wenn einerseits neurowissenschaftlich versucht wird, die Seele des Menschen im Gehirn lokalisierbar und letztlich auch kontrollierbar zu machen, und welch problematische Konstellation andererseits für ein psychoanalytisches Menschenbild1 daraus entsteht, soll im Folgenden erläutert werden.

Anfang des Jahres lief in Bremen die Hanse-Neuro-Psychoanalyse-Studie (HNPS) an, welche die „Neurobiologische[n] und psychometrische[n] Veränderungsprozesse bei psychoanalytischen Behandlungen von depressiven Patienten"2 untersucht. Die Studie ist ein interdisziplinäres Kooperationsprojekt, welches von Wissenschaftlern wie dem promovierten Philosophen und Neurobiologen Prof. Gerhard Roth sowie dem Mediziner und Psychoanalytiker Prof. Horst Kächele geleitet wird und von den Universitäten Heidelberg, Magdeburg, Bremen und Ulm sowie dem Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst unterstützt wird. Anzunehmen ist, dass versucht wird, ein besseres Verständnis für den therapeutisch beeinflussten Verlauf einer/eines Patientin/ Patienten mit depressiver Neurose zu erlangen. Doch um welche Art von Verstehen geht es hierbei? Hat ein psychoanalytisch-szenisches Verständnis - zu ergründen, welche Funktion die depressive Neurose im Rahmen der individuellen Lebensgeschichte einnimmt - Platz in einer neurowissenschaftlich fundierten Studie? Um dies zu beantworten, lohnt es sich, dem neurowissenschaftlichen den psychoanalytischen Wissenschaftsbegriff gegenüber zu stellen, die Begriffe Gehirn und Psyche3 als auch den Unterschied von Erklären und Verstehen in den Blick zu rücken.

Die Neurowissenschaften arbeiten mit einem empirisch-experimentellen Wissenschaftsbegriff, der neuronale Gegenstände in ihrer materiellen Beschaffenheit charakterisiert und bestrebt ist, allgemein gültige Gesetze zu formulieren. Darin spiegelt sich die naturwissenschaftliche Annahme von Vorhersagbarkeit, d.h. dass linear-kausale Wirkungsketten angenommen werden, in denen aus genau definierten Prämissen ein spezifischer Zustand für einen bestimmten Gegenstand folgt. Daran knüpft sich der neurowissenschaftliche Bezug auf die Lerntheorie, wonach sich die Resultate des Lernens strukturell in den Neuronen und deren Verschaltungen niederschlagen und eine Veränderung dieser Verschaltungen - ein Verlernen - möglich ist.4

Gerhard Roth geht davon aus, „dass alle Leistungen des Gehirns - seien sie perzeptiver, kognitiver, affektiv-emotionaler, exekutiver oder motorischer Art - Funktionen von Neuronen-Netzwerken sind." 5 Seiner Auffassung zufolge gehen Gefühle, Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen vollständig aus ihrer neurologischen Struktur hervor bzw. lassen sich ihre verschiedenen Merkmale immer auf „Leistungen des Gehirns" zurückführen. Hierin tritt einerseits ein Reduktionismus zu Tage, der mentale Zustände als neuronale Karten festlegt. Und andererseits deutet sich ein Kategorienfehler an, indem vom Unterschied von Introspektion (1.Person-Perspektive) zur objektiv-wissenschaftlichen Erfassung (3.Person-Perspektive) samt deren unterschiedlichen Gegenständen abgesehen wird.

Der sowjetische Psychologe Sergej L. Rubinstein setzt dem Denken von neurologischer Totalabsorption entgegen, dass „ [d]ie psychischen Erscheinungen spezifische [bleiben], psychische Erscheinungen und zugleich Erscheinungsformen der physiologischen Gesetzmäßigkeiten, ähnlich wie die physiologischen Erscheinungen als solche erhalten bleiben, auch wenn sie in bio-chemischen Untersuchungen als eine Erscheinungsform chemischer Gesetzmäßigkeiten auftreten. (Kursivsetzungen im Original)"6 Klarer ausgedrückt weist Rubinstein darauf hin, dass Psyche so wenig ohne Körper existieren kann, so wenig sie durch ihn hinreichend erklärt ist. In seiner Theorie der Interaktionsformen stellt Alfred Lorenzer7 die menschliche Psyche als die Erscheinung respektive den Niederschlag der dialektischen Vermittlung von gesellschaftlich-sozialen Interaktionen und körperlichem Bedarf sowie spezifischen physischen Entwicklungsphasen dar. Die meisten NeurowissenschaftlerInnen würden das Gehirn sicherlich als soziales Organ charakterisieren, das im Austausch mit anderen Organen und der Außenwelt steht. Doch Gesellschaft mit ihrer materiellen Bedingtheit als die bedeutungsgebende und kritisch zu betrachtende wird von ihnen selten ausführlich unter die Lupe genommen. So verwundert es auch nicht, dass sich aus neurowissenschaftlicher Sicht die Potenz des Menschen vornehmlich über genetisches Gut und neuro-/ biochemische Prozessleistung definiert. Psychoanalyse als kritische Subjektwissenschaft allerdings „dichtet Menschen keine Potentiale an, die diese in dieser Gesellschaft nicht haben. Vielmehr begreift sie jene als das, was sie im hier und jetzt sind: in erster Linie fremdbestimmt."8

Das Gehirn stellt eine physikalische Realität dar, in der neurobiochemische Prozesse ablaufen. Diese physikalische Realität entspricht allerdings nicht der subjektiven Wirklichkeit, die sich u.a. in einer spezifisch subjektiven Erlebnisqualität eines psychischen Zustandes äußert. Jene beschreibt der philosophische Begriff der„Qualia"; dass sich für eine bestimmte Person etwas „auf eine bestimmte Weise anfühlt"9 und sich so einer intersubjektiven Vergleichbarkeit entzieht. Dieser Bereich des subjektiven Erlebens ist nicht objektiv-naturwissenschaftlich erfassbar und bleibt der 1.Person-Perspektive vorbehalten, während die Neurowissenschaften die 3. Person-Perspektive vertreten. „Beim Betrachten der elektrochemischen Aktivität des Gehirns kann jedoch auch der tätige Verstand keine Inhalte von Gedanken in dem bunten Geflacker sehen. Er kann nur eine temporäre Korrelation zwischen Hirntätigkeit und Gedachtem angeben, aber dieser Zusammenhang bleibt äußerlich. Denn das Gehirn ist nicht der Gegenstand, aus dessen Betrachtung sich der Inhalt des Denkens erschließen lassen könnte, so wie sich in der (nicht naturwissenschaftlichen) Betrachtung eines Gemäldes sein Inhalt erschließt. Die Betrachtung des Gehirns erschließt seine elektrochemischen Funktionen. Diese mögen einem gedachten Inhalt, einer Bedeutung korrelieren, aber sie drücken sie nicht aus (...), weil die Hirnfunktionen nicht aus Bewusstsein gesetzt sind - auch dann nicht, wenn man annimmt, dass sie Bewusstsein verursachen. Das Denken ist nichts anderes als sein gedachter Inhalt. Und wie jeder Inhalt, jede Bedeutung, kein materieller Gegenstand ist, sondern Gedachtes, so ist auch der Inhalt eines Gemäldes und sein kunsthistorischer Zusammenhang nichts, was dem Material unmittelbar entspränge, sondern etwas, das denkend und bewusst als Symbol in das Material eingeprägt wurde."10

In neurowissenschaftlichen Studien soll also „Bewusstsein (...) mit empirischen [neurowissenschaftlichen, Anmerkung J.H.]  Methoden als ein physikalischer Prozess erfasst werden. Ein physikalischer Prozess ist ein Gegenstand der äußeren Anschauung und als solcher nicht introspektiv bewusst. Bewusst ist folglich nicht die spezifische Art der Hirnaktivität, sondern ein gedachter Inhalt. Das Denken dieses Inhaltes korreliert zeitlich einem physikalischen Prozess, der neurobiologisch, aber nicht introspektiv erfasst werden kann. Damit begreift die Neurobiologie Bewusstsein immer nur als das, was es nicht ist, und will es zugleich ihrem Gegenstandsbereich zuordnen."11

Fasst man die Gegenstandsbereiche von Neurowissenschaften und Psychoanalyse als zwei ganz unterschiedliche, dann kann nicht davon gesprochen werden, zwei Perspektiven auf ein und denselben Gegenstand zu haben wie Gerhard Roth jedoch konstatiert, wenn er sagt: „Zumindest kann die Neurobiologie heute in groben Zügen angeben, 'wie das Gehirn die Seele macht´."12 Daher stellt sich die Frage, was NeurowissenschaftlerInnen von PsychoanalytikerInnen bzw. umgekehrt wollen können - mal davon abgesehen, dass sie den vom anderen beforschten Gegenstand interessant fänden. Doch bevor ich mich möglichen Antworten widme, soll die Thematik von Bedeutungs- und Sinngebung fürs Subjekt verhandelt werden, welche eine unüberbrückbare Differenz von Neurowissenschaft und Psychoanalyse ausmacht.

Die Psychoanalyse ist eine nicht-experimentelle Wissenschaft, die ihren Forschungsgegenstand - das intrapsychische Geschehen - als einen zu verstehenden, nicht zu erklärenden auffasst. Dies bedeutet, dass klinische PsychoanalytikerInnen davon ausgehen, dass ihre PatientInnen in ihrer Lebensgeschichte Erfahrungen gemacht haben, die ihr intrapsychisches Geschehen wesentlich bestimmen und zur Ausprägung spezifischer Interaktionsmuster beitragen. Die gemachten Interaktionen sind dabei durch spezielle gestische Abläufe, Gefühle und Gedanken gekennzeichnet, die der Mensch in Sprache zu verpacken lernt. Im Verlauf des Spracherwerbs entwickelt sich ein je spezifischer Bedeutungsgehalt für ein bestimmtes Wort, das in Beziehung zu anderen Worten und ihren Bedeutungsgehalten steht. Dabei werden die Bedeutungsgehalte für die meisten Begriffe13 vor allem in den frühen Lebensphasen entwickelt, aber in späteren Phasen neu geordnet oder überformt. So kann es im Lebensverlauf noch zu Bedeutungsverschiebungen, -verarmungen oder -verbreiterungen kommen. Zur Veranschaulichung soll das Wort „Mama"14 dienen, zu dem jede(r) einen individuellen Bezug hat, weil ganz spezifische (bewusste und unbewusste) Erfahrungen mit dieser Bezugsperson gemacht wurden, die eine je bestimmte emotionale Färbung haben. Beispiele hierfür können das gemeinsame von Gesang begleitete Pflücken von Wiesensträußen sein oder die unruhig-angespannte Art des Stillens. Eine Bedeutungsverschiebung kann dann auftreten, wenn sich die „Mama" dem Kind gegenüber einmal feindselig verhält. Der Bedeutungsgehalt - „Mama" ist „feindselig" - fühlt sich für das Kind auf Grund seiner physischen und psychischen Abhängigkeit von der „Mama" aber so bedrohlich an, dass es diese Eigenschaft vom Wort „Mama" abspaltet und sie beispielsweise auf „Hund" verschiebt. Somit hat das Wort „Mama" eine Bedeutungsverarmung erfahren und das Wort „Hund" eine Bedeutungsverbreiterung.15

Den je speziellen Bedeutungsgehalt von Worten und Sprache versuchen PsychoanalytikerInnen in therapeutischer Behandlung zu verstehen, indem sie sich bemühen herauszufinden, welche Konnotationen ein bestimmtes Wort im Gefüge anderer birgt und welche „sinnvolle Realität des Patienten"16 daraus folgt. Sie nehmen Kummer und Ängste der Patientin/ des Patienten ernst und versuchen deren/ dessen Sicht der Dinge nachzuvollziehen. Da das Netz an gemachten Interaktionserfahrungen und die dazu ausgebildete „Privatsprache" sehr komplex und individuell gestaltet sind und nicht von einem Allgemeinen her zugänglich, bedarf es eines langwierigen Prozesses des Verstehens der Sinnzusammenhänge im Denken, Fühlen, Agieren und Sprechen der Patientin/ des Patienten. Von einem naturwissenschaftlichen Erklären ist die Psychoanalyse damit weit entfernt, weil sie sich mindestens als verstehende, wenn nicht sogar als begreifende - an den Begriffen und ihren Bedeutungen ansetzende - Wissenschaft versteht. Die Natur- und Neurowissenschaften hingegen sind von semantischer Blindheit und Mangel an Einfühlung gekennzeichnet, denn „alles, was irgendwie an das 'persönliche Erleben´ des Ich erinnert, ist nicht nur zurückgedrängt, sondern es ist beseitigt und ausgelöscht."17

Zudem sträubt sich die psychoanalytische Therapie durch fehlende Hypothesenbildung - wie in den Neurowissenschaften üblich - indem der/die AnalytikerIn versucht, das in den Behandlungssitzungen Gesagte zueinander in Beziehung zu setzen ohne voreingenommen ein bestimmtes Konzept zu verfolgen, wie beispielsweise bestimmte Ereignisse in der Kindheit einer/eines depressiven Patientin/Patienten vorauszusetzen. Vielmehr geht es darum, sich das individuelle, lebensgeschichtliche Gefüge stets neu zu erschließen, ob auch theoretisches, neurosenspezifisches Wissen bei der/dem TherapeutIn vorhanden ist und dabei helfen kann, ein komplexes Erfahrungs-, Sprach- und Bedeutungsgefüge zu verstehen.

Für die Psychoanalyse ist das Unbewusste eine zentral-wichtige Kategorie, die nicht des-kriptiv als all das zu verstehen ist, was nicht bewusst ist oder im Fokus der Aufmerksamkeit liegt. Vielmehr wird das Unbewusste als dynamisch verstanden, da seine Inhalte aus dem Bewussten irgendwann verdrängt worden sind, nicht „verlernt" werden können und mehr oder weniger virulent bleiben. Sie wehren sich gegen die anhaltende Verdrängung, indem sie versuchen, erneut an die Oberfläche zu gelangen. Dies geschieht, indem die unbewusst-gewordenen Inhalte zu spezifischen Beziehungsmustern führen oder auch Bedeutungsgehalte von Sprache wesentlich bestimmen, ob dies der/dem SprecherIn auch nicht bewusst sein mag. Zudem kann sich das Unbewusste getarnt in Form eines Symptoms wie beispielsweise massiver Angst vor Hunden oder einer depressiven Neurose äußern.

Letztere stellt in den Augen von PsychoanalytikerInnen nicht nur eine organische Dysfunktion dar wie aber Gerhard Roth postuliert, wenn er sagt „Ziel jeder Psychotherapie muss es (...) sein, die Psyche des Patienten dadurch zu verändern, dass die Fehlfunktionen subcorticaler limbischer Netzwerke behoben werden."18 Vielmehr ist eine Neurose der symptomatische Ausdruck von bestimmten lebensgeschichtlichen Ereignissen. Konzentriert man sich auf das physisch Sichtbare wie veränderte Aktionspotentiale im Gehirn, so liegt der Schluss nahe, einfach diese zu verändern, um der psychischen Störung beizuwohnen, statt sich mit dem diese bedingenden  meist unbewussten intrapsychischen Geschehen zu befassen. Dieses bleibt durch die Gabe von Psychopharmaka respektive anderer Eingriffe in Arbeitsprozesse im Gehirn unbearbeitet und in seiner virulenten, unbewusst gebliebenden Bedeutung fürs Subjekt bestehen. In der psychoanalytischen Therapie geht es gerade darum, die Sprache des Unbewussten in Form der depressiven Symptombildung kennen zu lernen, d.h. Sinn und Bedeutung von neurotischen Verhaltensweisen und deren unbewusste, deformierte Anbindung an bestimmte, meist frühe Lebensereignisse zu erschließen, „über die auch noch so lokalisierbare neuronale Erregungen keinerlei Auskünfte geben können."19 

Aus der Gegenwart in die Vergangenheit zu schauen, in der sich die Beschädigungen der individuellen Psyche bereits vollzogen haben, und diese im Nachhinein verstehen zu lernen und durchzuarbeiten, umschreibt das Selbstverständnis der psychoanalytischen Behandlung. Sie ist eine Wissenschaft der Nachzeitlichkeit, die nicht prognostizieren kann und will, was genau passieren wird, sondern aus dem hochkomplexen unbewussten Zusammenspiel der Niederschläge von biographisch-spezifischen Interaktionen nachträglich die Sprache des Neurotikers verstehen lernt und dazu beiträgt, diese in eine lebensangemessenere und beziehungsförderlichere umzuwandeln. Mit ihrem Konzept der Nachträglichkeit steht sie der natur- und neurowissenschaftlichen Ausrichtung von Vorhersagbarkeit, Determination und Linearität - Variable A bestimmt zusammen mit Variable B Variable C - ebenso entgegen wie mit ihrem Fokus auf das Dynamisch-Unbewusste. Und „[i]ndem die Neurophysiologie nicht nur Bewusstsein auf Gehirnaktivitäten reduziert, sondern zugleich Unbewusstes als Nichtbewusstsein begreift, muss ihr die psychoanalytische Wirkungsweise - im Gegensatz zur pharmakologischen - rätselhaft bleiben."20 Deshalb verwundert es, dass - beispielsweise in der HNPS - NeurowissenschaftlerInnen und PsychoanalytikerInnen zusammenarbeiten. Was also könnten Gründe hierfür sein?

Neurowissenschaftliche Ergebnisse für sich genommen sagen nur etwas über Prozesse im Gehirn aus, nichts aber über Mentales. Um den Erklärungsgehalt von neurophysiologischen Messergebnissen zu erhöhen, bedarf es der Interpretation der Daten, d.h. ob und wenn ja, wie die Korrelation von biochemischen Gehirnvorgängen mit mentalem Geschehen im Sinnzusammenhang steht. „Die Neurophysiologie ist darum (...) notwendig auf die Psychologie verwiesen, was bei der aktuellen Darstellung des Verhältnisses beider Wissenschaften zueinander oft nicht thematisiert wird, da die Frage nach der Relevanz und Nutzbarmachung neurophysiologischer Erkenntnisse für die Psychologie in den Vordergrund interdisziplinärer Forschungsprojekte gestellt wird."21 Seit den 90er Jahren hat die „Hinwendung zum Gehirn" in vielen Wissenschaften im internationalen und deutschsprachigen Raum stattgefunden. So auch in der Psychologie, die als Grenzwissenschaft zwischen Geistes-/Sozial- und Naturwissenschaften verstanden werden kann. Seither ist sie vom neurowissenschaftlichen Paradigma geprägt , so dass mittlerweile die hermeneutischen und philosophischen Anteile beinahe vollständig verschwunden sind. An der Universität Bremen zeigt sich dies darin, dass derzeit nicht mal mehr eine volle Professur für Sozialpsychologie besteht - in den 80ern waren es noch vier - und dass der letzte psychoanalytisch ausgerichtete Psychologie-Lehrstuhl nach der Emeritierung der Inhaberin ersatzlos gestrichen wird. Letztlich geht so der einst reformuniversitäre, „breite(...) wissenschaftliche(...) Ansatz"22 verloren.  An Universitäten zeigt sich die „Neurophorie"23 an einer dementsprechenden Schwerpunktsetzung in Biologie, Chemie, Psychologie und Pharmakologie. Doch auch andere WissenschaftsvertreterInnen haben angedockt und nennen sich beispielsweise NeuropädagogInnen, NeuroökonomInnen, NeuroästhetikerInnen und NeurosoziologInnen.

Gesellschaftlich, auch international, sind die Neurowissenschaften als die „Verkünder der Wahrheit" anerkannt, was sich darin zeigt, dass eine nicht-experimentelle, am Individuum orientierte Wissenschaft wie sie die Psychoanalyse ist, zunehmend schief angeschaut, als veraltet gesehen wird und sich unterschwellig der Druck entwickelt, auf den naturwissenschaftlich gekennzeichneten Zug aufzuspringen. Hier sei erneut Gerhard Roth zitiert, der auf das „[a]mbivalente Verhältnis [der Psychoanalyse] zur Hirnforschung [hinweist], d.h. einerseits die Hoffnung, es könne sich irgendwann doch einmal eine neurobiologische Fundierung der Psychoanalyse ergeben und andererseits der heroische, ja teilweise bewusste Verzicht auf ein solches Ziel."24 Der hier durchscheinende großmütige Gestus - nur durch naturwissenschaftliche Untermauerung könnten psychoanalytische Erkenntnisse überhaupt als geltend angesehen werden - sollte PsychoanalytikerInnen - nicht nur durch die ihnen so entgegen gebrachte Entwertung -  inne halten lassen. Auch das neurowissenschaftliche Menschenbild sollte zum Stocken veranlassen: vom Menschen als einer Person, deren psychische Abläufe auf bloße Reflexe neurochemischer Abläufe reduziert werden, deren „psychische Beschädigungen" durch pharmakologische oder neurologische Eingriffe beseitigt werden sollen und dessen Subjektivität im spezifischen Erleben und bezüglich der bedeutungsschaffenden Lebensgeschichte vernachlässigt wird.

Dass das neurowissenschaftliche ein so starkes Paradigma ist, dazu tragen auch wirtschaftliche Interessen bei, insofern als dass die „Wissenschaften des Gehirns" mit ihrem kostspieligen Technikbedarf für die Geräteindustrie und mit dem Zuarbeiten für die Pharmaindustrie oder für Institutionen wie Krankenkassen eine lukrative Sache sind. Medikamente sind letztlich immer günstiger als langandauernde Psychotherapien. So ist es nicht verwunderlich, dass auch einige PsychoanalytikerInnen das neurowissenschaftliche Andocken interessant und lohnenswert finden. Einerseits wirkt dies dem Verschwinden der Psychoanalyse aus dem öffentlichen Raum entgegen und sorgt für neues Interesse am Fach, wie die neuropsychoanalytische Schule um Mark Solms beweist. Und andererseits sichert man sich so auch die finanzielle Zukunft, wenn man dort mitmischt, wo die Gelder sind. Dabei bleibt unklar, was sich die Psychoanalyse fachlich von den Neurowissenschaften verspricht, da sie ein ziemlich umfassendes und wirkmächtiges Theorie- und Praxismodell von den psychischen und damit verbundenen physischen Vorgängen des Menschen hat. Natürlich ist nicht alles geklärt, was die conditio humana betrifft, doch ob die Visualisierung neurophysiologischer Vorgänge die richtige Anlaufstelle ist, muss angezweifelt werden.

Ein anderes Motiv wäre in dieser Schieflage noch zu vermuten; jenes der Angst, bald nicht mehr institutionell finanziert zu werden. Die HNPS ist auch eine Studie zur Wirksamkeitsmessung von psychoanalytischer Psychotherapie, d.h. sie soll herausfinden und belegen wie schnell eine Person mit einer psychischen Störung unter welchen Kosten wieder arbeitsfähig gemacht wird. Damit könnte sie im schlimmsten Falle dazu beitragen, die teuren und zahlreichen psychoanalytischen Therapiesitzungen durch für die Krankenkassen günstigere, in großen Mengen von der Pharmaindustrie produzierte Medikamente oder durch andere Therapieformen zu ersetzen. Dann herrschten tatsächlich Zustände wie in Libria, der Stadt der Emotionsarmut. Doch wie schon anfangs gesagt, sind wir zum Glück noch nicht soweit, ob gesellschaftlich auch auf bestem Wege dahin.

 

ANMERKUNGEN

1) Dieses orientiert sich an Sigmund Freuds Schriften und einer analytischen Sozialpsychologie wie sie von Alfred Lorenzer und Siegfried Zepf vertreten wird.

2) http://www.h-w-k.de/fsdeu2.htm

3) Die Psyche, oft mit den Begriffen Seele oder Geist synonym verwendet, bezeichnet mentale Eigenschaften und Fähigkeiten wie Denken, Fühlen, Wahrnehmen, Lernen und Problemlösen. Neurowissenschaftlich ist sie vor allem auf bewusste Vorgänge begrenzt, wohingegen psychoanalytisches Denken sich dem Bereich des Unbewussten widmet ohne das Bewusste auszusparen.

4) Ausgenommen ist hier der Neurobiologe Joseph Le Doux, der von der Amygdala, einem Teil des limbischen Systems im Gehirn, der an Angstentstehung und emotionaler Bewertung von Situationen maßgeblich beteiligt ist, sagt, dass sie „nie vergisst." LeDoux, J. E. (1998): Das Netz der Gefühle. Wie Emotionen entstehen. München (Hanser)

5) Roth, Gerhard (2001): Wie das Gehirn die Seele macht. Vortragsmanuskript, Lindauer Psychotherapiewochen 2001 - abrufbar unter: http://www.lptw.de/archiv/vortrag/2001/roth.pdf

6) Rubinstein, Sergej L. (1957/ 1961): Sein und Bewusstsein. Verlag der Akademie der Wissenschaften der UdSSR (Moskau)/ Akademie-Verlag (Berlin). S.202

7) Lorenzer, Alfred (1972): Zur Begründung einer materialistischen Sozialisationstheorie. Suhrkamp (Frankfurt am Main)

8) Kirchhoff, Christine (2006): Von Freud und Leid. In: Phase2,20

9) nachzulesen bei Nagel, Thomas (1974): What is it like to be a bat? In: The Philosophical Review LXXXIII. p.435-450

10) Zunke, Christine: Kritik der Hirnforschung, unveröffentlichte Dissertationsschrift, Kapitel 6,  S.12

11) Zunke, Christiane: Kritik der Hirnforschung, unveröffentlichte Dissertationsschrift, Kapitel 6,  S. 4

12) Roth, Gerhard (2001)

13) Begriff verstehe ich als eine Vorstellung von einem belebten oder unbelebten Objekt mit je spezifischen Eigenschaften, die in einem Sprachzeichen, einem Wort ausgedruckt wird. Der Begriff „Haus" kann mit unterschiedlichen Worten belegt sein, im Englischen „house", im Französischen „maison"; bezeichnet wird aber ein Begriff von „Haus".

14) Dies ist hier als Symbol für die erste(n) Bezugsperson(en) für das Kind zu verstehen.

15) Ausführlicher dargestellt in Lorenzer, Alfred (1970): Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Suhrkamp (Frankfurt am Main). S.106-137

16) Lorenzer, Alfred (1970): Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Suhrkamp (Frankfurt am Main). S.67

17) Cassirer, Ernst (1942): Zur Logik der Kulturwissenschaften. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). S.75

18) Roth, Gerhard (2001)

19) Soldt, P. & Dirkopf, F.: Seelisches ohne Subjekt. In: Freitag. 12.7. 2002.

20) Zunke, Christine: Kritik der Hirnforschung, unveröffentlichte Dissertationsschrift, Kapitel 6,  S. 14

21) Ebd. (S.2/3)

22) Homepage des Studienganges Psychologie: http://www.fb11.uni-bremen.de/sixcms/detail.php?id=57

23) nach Lauken, U. (2002): Über die semantische Blindheit einer neurowissenschaftlich gewendeten Psychologie Oder: Was hätte eine so gewendete Psychologie zum „Dialog der Kulturen" beizutragen? In: Berichte aus dem Institut zur Erforschung von Mensch-Umwelt-Beziehungen, 39. Oldenburg (Universität). S. 3.

24) Roth, Gerhard: Sigmund Freuds vergebliche Suche. (2005) In: Kernberg, Otto, Dulz, Birger & Eckert, Jochen: WIR: Psychotherapeuten - über sich und ihren „unmöglichen" Beruf. Schattauer (Stuttgart). S.5


« Zurück