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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen

Dierck Wittenberg

Biedermann und die Brandstifter

Der Bremer Tatort »Schwelbrand«


Die Bremer Tatort-Produktion ambitioniert zu nennen wäre eine Untertreibung. Wird sich etwa des Themas des islamistischen Terrorismus angenommen, ist Oberkommissarin Inga Lürsen nichts geringerem auf der Spur, als der - was sonst? - Geheimdienstverschwörung hinter den Anschlägen vom 11. September. Diese Sonntagabenkrimis von Autoren-Regisseur Thorsten Näther wollen mehr sein als Sonntagabendkrimis: große Themen, große Gesten, große Bilder. Und das bei kleinem Geldbeutel, ließe sich hinzufügen. Was zu der Vermutung führt, dass der betriebene Popanz mehr als eine bloße Geschmacksfrage ist, sondern medienpolitisches Zeichen; als müsste der Tatort für Radio Bremen im Alleingang den Beweis für die Existenzberechtigung der kleinsten, und damit latent von der Schließung bedrohten ARD-Sendeanstalt erbringen.

Bei der jüngsten, am 21. Januar gelaufenen, Produktion »Schwelbrand« wurde wiederum geklotzt, nicht gekleckert. Hintergrund der Story ist ein Rock gegen Rechts-Festival, so dass einerseits mit dem Rechtsradikalismus wiederum ein gesellschaftlich relevantes, brandheißes Thema angeschnitten wird, andererseits ein Anlass geboten ist, allerlei bekannte, unbekannte, noch nicht oder nicht mehr ganz so bekannte Musiker und Musikerinnen durchs Bild laufen zu lassen, auf der Bühne oder bei der Probe zu zeigen. Oder eine Hauptrolle zu geben. Jeanette Biedermann spielt die Rocksängerin Dana, die auf besagtem Festival spielen soll, allerdings von dieser Idee nicht gerade begeistert ist. Aus gutem Grund, denn, wie sich gegen Ende herausstellen wird, hat sie selbst eine Vergangenheit in der Bremer Naziszene. Bis die Wahrheit ans Licht kommt muss allerdings einiges passieren, unter anderem zwei Morde. Zunächst überfällt ein rechter Schlägertrupp (unter Führung von Danas Bruder Markus) den Plakatkleber Ahmed Aksu und hetzt ihn letztlich zu Tode: Bei seiner Flucht fällt er durch eine Glasscheibe, er wird seinen Verletzungen erliegen. Dann wird Danas Assistentin erschlagen, und da sie zur Tatzeit den Mantel ihrer Chefin trug, gehen Inga Lürsen und ihr Assistent Stedefreund von einer Verwechslung aus. Eigentlich habe die Tat Dana gegolten, womöglich aus politischen Motiven, begangen von Nazis, die sie von einem Auftritt bei dem Festival abhalten wollten.

Diese Vermutung wird dann lange die Ermittlungsarbeit leiten, die im strengen Sinne keine Ermittlungsarbeit ist, denn Fingerabdrücke, Obduktionsbefunde, Zeugenaussagen und dergleichen spielen so gut wie überhaupt keine Rolle. Zentral ist die Intuition der Kommissarin, auch wenn sie mal falsch liegt. Es scheint, als müsste Lürsen ihrem Gegenüber nur lange genug mit hochgezogenen Augenbrauen mal empört zureden, mal verständnisvoll zuhören, bis diese mit der Wahrheit rausrücken - die da lautet, dass es Dana selbst war, die ihre Assistentin Susanne ermordete, im Affekt, denn Susanne hatte Dana mit ihrer Vergangenheit erpresst und sich schließlich noch über ihr ärmliches Elternhaus lustig gemacht. »Schwelbrand« funktioniert also eher als Sozialdrama im Musik- und Neonazimilieu denn als Kriminalfilm. Ein Tatort, der ohne die üblichen Versatzstücke auskommt, ohne Kommissare an Currywurstbuden, ohne einen Gerichtsmediziner, der sagt: »Tatwaffe war ein stumpfer Gegenstand, Tatzeit vermutlich zwischen 20 und 23 Uhr, genaueres nach der Obduktion,« ist ja zumindest mal eine Abwechslung.

Ein Stilmittel, Genrekonventionen zu umschiffen, ist bei »Schwelbrand« das Verweisen auf Filme jenseits des Krimis. Das sind, entsprechend dem Sujet, einerseits Musikfilme wie »This is Spinal Tap« oder »Fame«, anderseits ist die Konstruktion der Geschichte um die geläuterte Dana und ihren Bruder Markus stark an »American History X« angelehnt. Sie will als Heimkehrerin den vom rechten Weg abgekommen, d.h. auf rechten Pfaden wandelnden, kleinen Bruder davon abhalten, ihre eigenen Fehler zu wiederholen. Dabei tappt »Schwelbrand« in die gleichen Fallen wie sein Vorbild, wenn den Nazis vor allem entgegengehalten wird, dass sie gar nicht sind, was sie vorgeben zu sein. Bei »American History X« ist es u.a. der von ihnen selbst betriebene Drogenhandel, bei »Schwelbrand« ausgerechnet die Kameradschaft, anhand derer sie der Heuchelei überführt werden sollen. Der Auslöser für Danas Abkehr von der rechten Szene war, dass ein - vermeintlicher! - Verräter von seinen Kameraden zum Invaliden geschlagen wurde. Überhaupt sind die Filmnazis alles andere als nett zueinander. »Leute, haltet euch fern vom rechten Rand, das ist gefährlich!« scheint der Film sagen zu wollen.

Dabei hat »Schwelbrand« insbesondere dort, wo an reale Ereignisse angedockt wird durchaus seine Stärken, die jedoch im Strudel der Ereignisse weitgehend untergehen. So werden die im Zuge des NPD-Verbotsverfahrens offenbar gewordene Verwicklungen zwischen rechtsradikaler Szene und Verfassungsschutz angesprochen und als ein Verhältnis skizziert, in dem der als Informant ausgehaltene Kader den Verfassungsschutz für seine Zwecke gebraucht, nicht umgekehrt. Die Inszenierung der im Wortsinne zwielichtigen Verfassungsschützer (sie sitzen in einem abgedunkelten Lieferwagen am Güterbahnhof) hat jedoch den Nebeneffekt, dass ihnen allein fragwürdige Tendenzen im Staatsapparat zugeschrieben werden, die Polizei dagegen ist nicht nur sauber sondern rein. Auch über neuere Entwicklungen innerhalb der Naziszene zeigt sich der Tatort wohlinformiert, es ist die Rede von Nazis mit langen Haaren und Ché Guevara-T-Shirts, die sich im Repertoire der Globalisierungskritik bedienen. Die Hetzjagd zu Beginn ist angelehnt an die Ereignisse in Guben 1999 und es wird gezeigt, wie der Ottonormalbürger dem nach Hilfe suchenden Opfer buchstäblich die Tür vor der Nase zuschlägt. Dafür allerdings kann Stedefreund Verständnis aufbringen, es sei ja schließlich nicht ungefährlich, sich prügelnden Nazis in den Weg zu stellen. Obschon Kollegin Lürsen anderer Meinung ist und mutiges Eingreifen einfordert, bleibt es an dieser Stelle dem der ZuschauerIn überlassen, wer von beiden Recht hat.1 Es ist dies eine von mehreren Stellen, wo der »Schwelbrand« die Chance zu einer etwas mutigeren Message vertut. So spricht einer der Nazis vom Finanzkapital als Heuschrecken und sein Chef erklärt zu den Unzufriedenen: »Viele von denen wissen noch gar nicht, dass sie längst unserer Meinung sind.« Dass es die, noch dazu als Heuchler vorgestellten, Nazis selbst sind, die solche Aussagen treffen, verleiht ihnen nicht gerade Gewicht, so dass die Hinweise auf Überschneidungen zwischen gesellschaftlichem Mainstream und neonazistischen Denkmustern eben Hinweise bleiben, die nicht weiter verfolgt werden.

Auf derlei Feinheiten will der Film nicht hinaus, das wird auch deutlich, wenn tatsächlich mal Argumente ausgetauscht werden, meist in persona der Figuren Lürsen und Dana. Was den Filmnazis entgegenhalten wird, ist, neben der angesprochenen, vorgetäuschten Kameradschaft, dass ihre Ansichten gestrig und intelligenten Leuten nicht würdig seien. Während die Nazis praktisch ungehindert von »Sozialschmarotzern« und »Scheinasylanten« sprechen dürfen, kommt darauf nicht ein einziger inhaltlicher oder politischer Einwand, außer dem, dass die Rechten nur Scheinlösungen für die sozialen Probleme hätten. Damit liegt den Wortwechseln in »Schwelbrand« eine Konstruktion zugrunde, die häufig in Filmproduktionen zum Thema Rechtsradikalismus zum Tragen kommt und die nur erfolgreich sein kann, wenn die Nazis sich durch das Gesagte selbst entlarven sollen und das setzt voraus, dass die ZuschauerInnen schon auf der richtigen Seite stehen.2

Als wichtigstes Mittel gegen den Neonazismus fungiert in »Schwelbrand« ohnehin nicht das Wort, zumindest nicht das gesprochenen, sondern Popmusik. MusikerInnen tauchen, ob angestrengt-beiläufig als audiovisuelle Bilddekoration oder in Sprechrollen, in so geballter Form auf, dass nicht zu übersehen ist: hier soll ein Zeichen gesetzt werden. Was dabei herauskommt ist eine Tatort gewordene Charity-Gala, bestenfalls gut gemeint, letztlich nur hohl und plakativ. Putzig ist daran noch der Versuch, dem ganzen einen rebellischen oder gar politischen Anstrich zu geben. So schimpft ein Nazi, Dana würde sich mit »Zecken zusammen auf eine Bühne stellen« und Kommissar Stedefreund beschwert sich in Bezug auf die MusikerInnen, er müsse sich mit Freaks herumschlagen. Besagte »Zecken« und »Freaks« sind neben Jeanette Biedermann u.a. die Bremer Band Revolverheld, das »singende Fischbrötchen« (taz) Stephan Gwildis, der DSDS-zweite Mike Leon Grosch, der Hiphopper Das Bo mit neuer Truppe und Mia. Dass ausgerechnet Mia, diese Wiederkehr des stolzen Deutschen im Chic der Berliner Republik, hier als Antithese zum stolzen Deutschen der alten Schule herhalten, ist allerdings weder inkonsistent noch ein Versehen. Es geht in diesem Film gegen Nazis, nicht mehr, und solange man kein Nazi ist, kann man so stolz und deutsch sein wie man will. Diese Gradwanderung hinzubekommen ist nicht mehr so schwierig, wie sie vielleicht einmal war, erinnert sei etwa an den »Du bist Deutschland«-Werbespot, wo u.a. vor dem Berliner Holocaustmahnmal Werbung für die nationale Sache gemacht wird. Letztlich haut »Schwelbrand« in eine ähnliche Kerbe: Die PopmusikInnen werden als Gegenbild zu den am Vierten Reich werkelnden Nazis inszeniert als ein junges, fröhliches, manchmal auch ein bisschen aufsässiges neues Deutschland, und sie sind dabei, nicht nur dadurch, dass sie meist in der Muttersprache singen, überaus radioquotentauglich. Die Entgegensetzung von Nazis auf der einen, MusikerInnen auf der anderen Seite wird in der Schlusssequenz ein letztes Mal festgeklopft. Dana ist geläutert und tut, eher für ihre Vergangenheit als für ihre Tat, öffentlich Buße. Bereits überführt, erfüllt ihr die Polizei einen letzten Wunsch, sie darf doch noch auf dem Festival auftreten und dort, den Tränen nahe, vom Traum einer besseren Welt singen. Ihrem »Imagine« werden diejenigen gegenübergestellt, deren Ohren taub sind für Botschaften des Friedens, Danas Bruder schickt sich an, neuer Anführer seiner Nazi-Clique zu werden. Ein offenes Ende zwar, doch Moral von der Geschicht' hätte auch von meiner Oma stammen können: »Böse Menschen haben keine Lieder.«

 

ANMERKUNGEN

1) Die dritte Möglichkeit, dass die Leute nicht aus Angst wegschauen, sondern weil sie etwas gegen »Ausländer« haben, macht der Film erst gar nicht auf.

2) Nun handelt es sich hier immer noch um einen Tatort und keinen Aufklärungsfilm der Bundeszentrale für politische Bildung, und es wären entsprechende Maßstäbe anzulegen, käme »Schwelbrand« nicht selbst mit einem so volkspädagogischen Duktus daher.


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